"Kreuzverhüllung"

Die Kunst zu sehen oder Das Aufscheinen des Verhüllten

Wolfgang Wieland, 14. März 1999, Diözesanbildungswerk, Stuttgart

Kunstinstallation in der St. Karl Borromäus Kirche Winnenden

Die Kreuzverhüllung 1999 (Fotos Karin Mueller Leonberg)

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1. Eine Geschichte vom Blindsein und Sehendwerden


Blinde sind wir.

Im heutigen (Johannes) Evangelium geht es ums Blindsein und ums Sehendwerden. Da ist ein von Geburt an Blinder, ein Mensch also, der nicht erst durch nachträgliche Schicksalsschlage sein Augenlicht verloren hat. Seine Blindheit liegt vielmehr tiefer. Sie gehört sozusagen zu seiner Natur. Er steht im Grunde für den Menschen schlechthin: Wir sind alle wie dieser Blindgeborene. Um das nachzuvollziehen, brauchen wir uns nur zu vergegenwärtigen, wie schwer es uns fallt, wirklich zu sehen. Wir sehen nicht, was sich zeigt, sondern das, was wir sehen wollen und was wir selber sind. Wir sind manchmal blind vor Wut, wir handeln kurzsichtig, wir kennen die Betriebsblindheit. Wir müssen immer wieder erfahren, daß wir etwas oder jemanden nicht sehen Können. Da kann jemand seine Frau nicht mehr sehen. Ein anderer kann seinen Nachbar nicht sehen. Jemand kann das Leid in der Welt nicht sehen. Ein Anderer kann nichts Hoffnungsvolles mehr sehen. Viele sehen schwarz, manche schwarzweil3. Jedem von uns sind verschiedene Brillen an die Hornhaut der Augen gewachsen, die ganze Bereiche der Wirklichkeit ausfiltern: Die Parteibrille, die öffentliche Meinungsbrille, die Westbrille, die Ostbrille, die Kirchenbrille... Wir wollen vielleicht gar nicht alles sehen, sondern nur das, was uns ins Konzept paßt, in unsere Weltanschauung, in unser Glaubenssystem. Und wir verwechseln dann das, was wir sehen, mit der Wirklichkeit.


Vermeintlich Sehende

Die vermeintlich Sehenden in unserer Geschichte fuhren uns diese Blindheit überdeutlich vor Augen. Sie wollen und können nicht sehen, was dem Blinden widerfahren ist und was er zu sehen bekommen hat. In der Begegnung mit ihm konnten sie nachdenklich werden und sagen: Mensch, da sind wir mit einer ganz neuen Erfahrung konfrontiert; das zwingt uns, unsere bisherige Sicht der Dinge zu überdenken. Es ist aber umgekehrt. Das ganze Hin und Her um den ehemals Blinden - die Nachbarn geraten wegen ihm in Streit, sie schicken ihn zur obersten Glaubensbehörde, das dortige Verhör fuhrt nicht zum gewünschten Ergebnis, die Glaubensbehörde verhört daraufhin die Eltern, die wollen mit der Sache aber nichts zu tun haben, ein abermaliges Verhör des ehemals Blinden beenden die angeblich Sehenden schliel3lich mit einer autoritären Maßnahme - dieses ganze Hin und Her macht eines sichtbar: Niemand der angeblich Sehenden will das Unerwartete, Überraschende sehen. Vor al-lem für die Glaubensbehörde darf nicht sein, was nicht sein kann. Der ehemals Blinde argumentiert mit seiner Erfahrung: Ich weiß nicht, ob eure Sicht der Dinge stimmt. Aber eines weiß ich: Ich war blind und jetzt sehe ich; um mich ist es heller geworden. Das allein zählt - doch, oder? Nein, sagen die Andern, was zählt, ist die überlieferte Sichtweise. Mehrmals hören wir die angeblich Sehenden sagen: "Wir wissen". Sie wissen immer schon alles und merken dabei gar nicht, wie sie immer verblendeter werden, blind für das Unerwartete, Überraschende, Andere. Und ist nicht jeder Mensch, ist nicht die Wirklichkeit als Ganze, ist nicht Gott selber voller Überraschungen? Ist es nicht tödlich, dieses Überraschende einer ideologischen Geschlossenheit zu opfern? Aber genau das tun die angeblich Sehenden. Sie können nicht sehen, was sich ihrem Bescheidwissen entzieht. Die ganze Tragik ihrer Verblendung zeigt sich, als sie am Ende den ehemals Blinden auffordern, doch Gott die Ehre zu geben. Sie meinen damit, er solle endlich die Geltung ihres Glaubenssystems und ihrer Sicht der Dinge anerkennen. Gott die Ehre geben, das hieße aber doch gerade, all das loszulas-sen und offen zu werden, offen für ein neues, überraschendes Sehen.


Sehend werden in der offenen Begegnung mit Jesus

Genau dies geschieht in der Begegnung zwischen dem Blindgeborenen und Jesus. In der Berührung mit ihm öffnen sich die Augen des Blinden, öffnet sich der Blinde, so daß er wieder vorurteilsfrei sehen kann. Es war eine Berührung intensiver Nahe und Intimität: Jesus, so wird erzählt, spuckte auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden. Und es war eine Berührung, in der der Blinde gleichsam in sein Gegenüber eintauchte: Er wascht sich in ihm wie in einem Wasser. Und das spult all die Brillen weg, die ihm auf die Hornhaut gewachsen sind und ihm die Sicht verstellt haben. Aber was heißt das? Was ist es denn, was von Jesus diese Wirkung ausgehen laßt?

Offensichtlich war Jesus einer, der vorurteilsfrei sehen konnte, der diesen Menschen, der da vor ihm stand, ganz offen ansehen konnte. Nicht durch die Brille der Rechtgläubigkeit, nicht durch die Moralbrille der Wohlanständigkeit wie die Anderen, nicht durch die Brille dieses Vorurteils oder jenes Vorurteils, sondern voller Ehrfurcht und behutsamer Scheu. Er hat in diesem Augenblick nur diesen Menschen gesehen, so sehr, daß ihm darüber alles Andere, vor allem so mancher theologische Lehrsatz wie z.B. das Sabbatgebot, zur Nebensache wurde. Er war von unglaublicher Offenheit. In dieser Offenheit konnte der Blinde offen werden und seine Augen öffnen. Unter den Augen Jesu begann er so zu sehen wie Jesus, ganz offen und voller Ehrfurcht vor dem, was ihm im Anderen aufscheint.

Die Schlußszene macht dies besonders deutlich: Da stehen sich der ehemals Blinde und Jesus gegenüber, Auge in Auge, nichts ist zwischen ihnen, nur nackte Unmittelbarkeit, unmittelbares Betroffenwerden voneinander. Wahrend die angeblich Sehenden alles mögliche zwischen sich und Jesus schieben, Vorurteile, Katechismuswissen, theologisches Rasonieren, und dabei alles sehr kompliziert wird, geschieht zwischen dem ehemals Blinden und Jesus etwas ganz Einfaches: Berührung. Nicht distanziertes Betrachten, sondern betroffenes Schauen und Wahrnehmen des Anderen. Nicht sehen, was man sehen will, sondern sehen, was vor Augen erscheint. Glauben nennt das das Evangelium: Übergehen vom immer schon Wissen zum Schauen auf das, was sich zeigt.


2. Übergehen vom Immer-schon-Wissen zum Schauen auf das, was sich zeigt


Sehen und Sehen sind zweierlei

Es ist wie beim Betrachten z.B. eines Baumes: Wir stehen ihm zunächst distanziert gegenüber, betrachten ihn als Gegenstand, den wir objektiv erfassen können, sehen in ihm Vieles, was wir schon wissen, sehen ihn als Bild der Natur mit seinem prächtigen Grün, als biologischen Organismus, als ein besonderes Exemplar einer bestimmten Gattung... Es kann aber auch geschehen, daß sich plötzlich etwas öffnet, daß wir in eine Beziehung mit dem Baum treten, daß er zu sprechen anfangt und in uns etwas anrührt, da! er uns an seinem Geheimnis teilhaben laßt, das uns Staunen macht, daß uns also etwas aufscheint, was sich dem vordergründigen Sehen entzieht. Oder es ist wie beim Betrachten eines modernen Kunstwerks, das sich meinen Sehgewohnheiten entzieht. Ich kann es betrachten und auf mir schon Bekanntes hin abklopfen, meinen Maßstaben für gute Kunst unterwerfen und dann sagen: Nein, das ist wohl nichts! Vielleicht ist es mir aber auch möglich, meine Maßstäbe und Vorstellungen loszulassen, mich dem mir Fremden und Unbekannten auszusetzen und dabei offen zu werden für das, was im Bild erscheint und mir entgegenblickt. - "Sieh doch", sagt Jesus zu dem ehemals Blinden, "ich bin es, der vor dir steht". Und der Blinde schaute und betete an. Sehen und Sehen sind also zweierlei. Es gibt das Betrachten, bei dem ich nach etwas Be-stimmten trachte, etwas Bestimmtes sehen will. Bei diesem Sehen bin ich es, der etwas macht, etwas Vorhandenes festhält, erklärt und einordnet. Und es gibt das Schauen, bei dem ich empfänglich bin für das, was sich mir zeigt. Hier steht nicht mein eigenes Machen im Vordergrund; vielmehr widerfährt mir etwas, etwas scheint auf, erscheint, und ich kann es wahrnehmen. Die Dinge öffnen sich und berühren mich. Erst diesem zweiten Sehen er-schliel3t sich etwas vom Geheimnis der Dinge, der Menschen, der Wirklichkeit insgesamt.


Sehend werden durch Entzug des Vorhandenen

Aber gerade die Sehfähigkeit in diesem zweiten Sinne geht uns ab. Für das Schauen fehlt uns in unserer von Arbeit und Konsum beherrschten Welt allein schon die Zeit. Und Bilderflüt und Informationsflut lassen dem Schauen keinen Raum mehr. Unser Sehen verliert sich im Vielerlei, im Vorhandenen, Nützlichen, im vordergründig Bekannten. Es sucht immer nur das Faßbare, Feststellbare, Vorstellbare, und wird so blind für das, was sich dieser Sichtweise entzieht.

Manchmal sehen wir dann, wie man so sagt, den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Erst der Entzug der Bäume, die Erfahrung der Wüste z.B. in ihrer erschreckenden Leere, öffnet vielleicht unsere Augen neu für das Wunder der Bäume. - Vielen Zeitgenossen kommen die grol3en Worte unseres Glaubens und die überlieferten Glaubensbilder wie abgenutzte Klischees oder wie geheimnisleeres Katechismuswissen vor. Nicht barocke Bilderfülle oder pathetische Glaubenssprache entspricht ihrem religiösen Empfinden. Aber das Wissen um unser größeres Nichtwissen, eine vom biblischen Bilderverbot geprägte Spiritualität oder die asketische Kargheit zeitgenössischer Kunst eröffnet ihnen neue Zugange.

Damit wir neu sehen lernen, muß uns also bisweilen das, was wir im vordergründigen Sinne sehen, entzogen werden. Wir müssen uns dem Nichtsehen aussetzen und das Entzogensein der Dinge aushalten und durchleiden, um wieder offen und empfänglich zu werden für das Schauen. Im Evangelium war es ja auch der Blinde, der also, dem die Welt verhüllt war, der zum Schauen gelangte. Die vermeintlich Sehenden dagegen wurden immer verblendeter.

Aufscheinen des Verhüllten - durch Kreuzverhüllung und zeitgenössische Kunst

Die Kreuzverhüllung, die das Gewohnte dem gewöhnlichen Sehen entzieht, soll und kann also etwas neu sichtbar machen. Das Kunstprojekt in dieser Kirche tut dies auf seine Weise. Zwar ist das Kreuz nicht verhüllt. Im Gegenteil, der dunkle Rahmen macht es erst recht sichtbar. Aber dem Kreuz gegenüber, im Zentrum des Raumes, dort, wo in romanischen oder gotischen Kirchen die Vierung ist, hängt ein undurchdringlicher, abweisender, stummer Stein. Er erscheint mir als Inbegriff des Verhülltseins. Und mein Blick pendelt hin und her zwischen dem Kreuz, das sich im Rahmen zeigt, und dem abweisenden Stein, dessen Geheimnis sich mir entzieht. Was haben Kreuz und Stein miteinander zu tun? Kreuz, Stein des Anstoßes, undurchdringlicher Stein des Weisen? Indem wir uns dem Verhülltsein des Steines aussetzen und sein stummes Entzogensein aushalten, wird unser Blick vielleicht sensibilisiert für die Botschaft des Kreuzes, geöffnet für das, was unserem Bescheidwissen entzogen ist. Die Entzugserscheinung bringt etwas zur Erscheinung, das Fremde, Unbekannte, Überraschende, Unerwartete, das Andere, den Anderen, Gott.

Die zeitgenössische Kunst insgesamt ist eine solche Entzugserscheinung. Sie entzieht uns das Gewohnte, die identifizierbaren Gegenstände. Sie entzieht uns vor allem den Trost der vertrauten christlichen Bilder. Deshalb stoßt sie vielfach auf Unverständnis oder gar Ablehnung. Aber vielleicht ist dieses Unverständnis und diese Ablehnung der ablehnenden Haltung vergleichbar, mit der im Evangelium die verblendete Glaubensbehörde Jesus gegenübersteht. Und vielleicht werden unsere Augen wie die des Blinden im Evangelium gereinigt, wenn wir uns dem Irritierenden der zeitgenössischen Kunst aussetzen. Ich will das an einem Beispiel verdeutlichen. Darin wird das uns Vertraute nicht verhüllt, sondern ausgeräumt, ausgeleert. Es sind Bilder von Ben Willekens.


3. Ent-leerung: Von der leeren Leere zur erfüllten Leere


Leere Raume

Der Künstler hat in zahlreichen Bildern leere Raume gemalt, entleerte Raume, Warteraume, Anstaltsraume, Raume ohne Intimität und ohne Kommunikation. Raume ohne Farbe, nur in grau und weiß, vor allem Raume ohne Menschen, anonyme Raume. Der Mensch, um den es letztlich geht, ist abwesend, der Betroffene ist ausgespart. Und das hat zur Folge, daß der Mensch, der diese Bilder sieht und sich ihnen aussetzt, zum Betroffenen wird, betroffen von der erschreckenden Leere und Kahlheit. Leben wir nicht in einer Zeit, die die Leere geradezu flieht, die alles vollstopft mit Gegenständen, Worten, Taten, Lärm. Und nun diese Leere. Macht sie nicht unsere Leere hinter aller Fülle sichtbar, die Anonymität und Sinnlosigkeit unserer Zeit, das Verschwinden des Menschen hinter steriler Funktionalität, die Abwesenheit Gottes?


Entleertes Abendmahl

Eines dieser Bilder fullt den Altarraum der katholischen Kirche in Stuttgart-Mohringen aus. Das Bekannteste tragt den Titel "Abendmahl". Sie sehen es auf dem ausgeteilten Blatt. Es erinnert an das Abendmahlsbild von Leonardo da Vinci. Und man kann dieses Bild von Ben Willekens nicht sehen, ohne sich schmerzlich an das andere zu erinnern und sich bewußt zu werden, was hier alles fehlt. Willekens laßt den Raum von Leonardo da Vinci leer. Die Versammlung der Apostel mit Jesus Christus findet nicht statt. Gott und Mensch sind nicht mehr anwesend. Der Raum des Geschehens ist zu einem klinisch sterilen Raum geworden. Die Beine des langgestreckten Tisches sind aus Stahlrohren; die Teppiche, die auf Leonardos Fresko in gleichmäßigen Abstanden die Wandflächen teilen, sind in stählerne Türen verwandelt, die die Seiten des Saales verschließen und allen Durchlas hart verwehren. In der Mitte, wo Christus saß, öffnet sich die Wand. Von hier fuhrt der Blick unter einem Bogen hindurch in die unbegrenzte Weite eines weiteren leeren Raumes - bei Leonardo da Vinci war da eine weite Landschaft. Ins Zentrum, das bei Leonardo da Vinci das Antlitz Christi war, hat Ben Willekens also ein weißes Quadrat gesetzt. Die Leere bzw. das Licht dieses Quadrats ist der Fluchtpunkt des Bildes. Das Bild ist äußerst ambivalent. Der Künstler hatte, als er es malte, eher aggressive, negative bis hin zu nihilistischen Gedanken: In der Mitte des Bildes war tatsächlich nichts. Und dieses Nichts, diese Leere anzunehmen, mag uns als Zumutung erscheinen. Aber wenn wir dem Bild begegnen wollen, müssen wir uns dieser Zumutung aussetzen und uns mit ihr auseinandersetzen. In dem Maße wir dies tun, können wir entdecken, wie das Bild zu kippen beginnt. Es ist nicht mehr nur Negation. Der Raum ist in seiner Leere licht und voller Licht. Das weiße Quadrat in der Mitte des Bildes ist nicht nur leere Leere, diese Leere ist erfüllt; aus dieser Leere quillt die unbegrenzte Weite weißen Lichts. Und in diesem Licht scheint eine Sehnsucht auf, wird Hoffnung möglich, daß das nihilistische Nichts nicht alles ist. Aber diese Hoffnung muß durch die Katharsis einer erschreckenden, abgründigen Leere hindurch. Der Künstler sagt selbst: Wenn jemand in einem Teich badet, wo es einen Strudel gibt, dann muß er eine Regel beachten: Er darf sich nicht wehren, sondern er muß sich bis zum Grund herunterziehen lassen. Erst hier kann er sich vom Sog nach unten befreien, um moglicherweise gerettet wieder aufzutauchen. Geschah so etwas mit dem Blinden im Evangelium, als er in Christus eintauchte, den Gekreuzigt-Auferstandenen?


Leere Leere - erfüllte Leere

Ein Text des Theologen Fridolin Stier druckt für mich etwas ganz Ähnliches aus wie das Bild von Ben Willekens. Er vergleicht darin unsere Welt mit einem leeren, finsteren Zimmer. Hören sie diesen Text zum Abschluß:

"Ist jemand da?" fragte ich, als ich das finstere Zimmer betreten hatte. Nichts war zu sehen, ich horchte, nichts zu hören. Ich sah nichts, nur die Finsternis "sah", als sähe sie mich an. Kein Laut, schweigend sprach die Stille mich an. Noch einmal: "Ist hier jemand?"

Meine Stimme zerriß die Stille, die nun noch lauter sprach. Keine Antwort, nur Finsternis und Schweigen. Ich tastete mich an den Wanden entlang. Niemand. Nichts. Ich horchte auf Huschen leiser Schritte, ich horte keines und wußte doch - wußte ich? - nein, ich fühlte, da war jemand.

"So antworten Sie doch!" schrie ich in die Tiefe des Schweigens; es wurde noch tiefer, es wurde unheimlich. Das Zimmer war leer! Aber die Leere war voll; voll von dem DA, von nichts als dem DA, von dem DA dieses ... wars eines Jemandes DA? Und das Schweigen war Sprache; und die Sprache sprach DA, sprach nichts als schweigendes DA... Tastend fand ich die Tür, ging nebenan zu den Anderen. Ins Licht. Sie sahen mich an, sie sahen es mir an. "Da drüben ist jemand" sagte ich. Sie standen auf, gingen hinüber und machten Licht: Das Zimmer war leer. Ich wußte es ja! Alles normal; der Tisch an seinen Platz, das Bild an der Wand, nichts verändert und doch alles anders; denn das DA war immer noch da, und es war stark und trotzte dem Augenschein. Ob Tag oder Nacht, Finsternis oder Helle - es blieb mir und wurde wie jemand, der mit mir geht. Ich habe angefangen, mit ihm zu sprechen...


Schluß

Etwas Ähnliches hat der Blinde im Evangelium erfahren. Seinen leeren Augen konnte etwas aufscheinen, wofür die blind waren, deren Augen voller eigener Bilder waren. Das Projekt Kreuzverhüllung in dieser Kirche, will uns für dieses Aufscheinen sensibilisieren. So wie die entleerten Raume von Ben Willekens. wenn wir uns ihrem Schrecken aussetzen, verborgenes Licht aufscheinen lassen.

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