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Frederick D. Bunsen
und die Kunst
als Hürdenlauf


von Ralf Bauerdick
Bielefeld 1993

... im Urbacher Atelier 1992


400 Meter Hürden. Monate vor dem Wettkampf Training und nochmals Training. Stundenlanges Joggen, jeden Tag. Konditionsarbeit, Muskelaufbau an der Kraftmaschine. Verbesserung der Sprungtechnik. Diät halten. Kein Alkohol. Keine Zigaretten. Zwei Tage vor dem Lauf nur leichte Gymnastik. Aufwärmen im Stadion. Startblöcke probieren. Die ganze Konzentration fixiert auf den Start. Der Schuß. Er katapultiert den Körper auf die Bahn. Laufen, springen, laufen, springen, den Rhythmus finden. Wenn er sich einstellt verschwindet die Welt. Das Gesichtsfeld wird enger. Es schrumpft zusammen zu zwei Linien auf der Laufbahn. "Dein Körper sagt: Du bist verrückt. Der Geist sagt: Du schaffst es."

Zur Erinnerung. Wir wollten über Kunst reden, über die Kunst des Frederick Bunsen, geboren 1952 in El Paso/Texas, einst professioneller "Hürdenläufer" an der Oregon State University, heute freischaffender Künstler, wohnhaft in Winnenden mit Atelier in Urbach und Leonberg. Doch bevor eine Idee über die Kunst auf der Zielgeraden Gestalt gewinnt, sind noch einige Hürden zu nehmen. "Hundert Meter vor dem Ziel", so Bunsen, "da wird die Luft dünn, der Sauerstoff wird knapp. Die Farben um dich verdunkeln." Und dann? Beim letzten Sprung über die Ziellinie? "Die Quälerei weicht der Freude. Den Körper durchströmt reinste Luft, der Geist leert sich zu ungeheurer Klarheit. "Wenn eine Kunst dieses Rennen nicht macht", sagt Bunsen, "dann hat sie keine Chance": Womit wir beim Problem sind. Der Hürdenläufer hat seine Erfahrung nur für sich, exklusiv. Mag er das Publikum auf den Rängen noch so begeistern, seine Erfahrung, auf der Laufbahn sein Letztes gegeben zu haben, kann er mit dem Zuschauer nicht teilen.

Wer das Werk betrachtet und nur kraft seines Verstandes Bunsens Bilder entschlüsseln will, den bringt sein abstrakter Expressionismus in Schwierigkeiten. Die Spuren der Acrylfarben, die Bunsen auf Leinwand oder Papier setzt, folgen nicht der Logik eines wissenschaftlichen Experiments, das unter gleichen Bedingungen beliebig oft wiederholbar und daher rational nachvollziehbar ist. Seine Arbeiten erwachsen einer eher spontanen, intuitiven Art des Denkens und Gestaltens. Ein "Zugang", bei dem die Kunst zur Schallwand verkümmert, von der nur das eigene Echo zurückhallt, reicht nicht an das Eigentliche dieser Kunst heran. Für Projektionen, die im Anderen nur den Widerhall der eigenen Stimme vernimmt, ist Bunsens malerische Bearbeitung etwa des Themas "Trinität" nicht sonderlich geeignet. Es gehört schon eine ordentliche Portion Willkür dazu, darin irgendeine Abhandlung der altbekannten Muster des Credos an Vater, Sohn und Heiligen Geist herauszulesen. Doch wie kann man "Trinität" malen, wenn die Präsenz der göttlichen Dreifaltigkeit in unzähligen Bekenntnissen von Christen bezeugt wird, jedoch in noch unzähligeren Situationen abwesend bleibt. Aus dieser Didertomie von Präsenz und Absenz entwickelt ein Bild wie "Trinität" seine Wahrheit. Bunsen wurde einmal gefragt: "Wo finden Leben, Tod und Auferstehung Christi (in diesem Bild) eine Analogie?" Antwort: "Den Tod sehe ich und male ihn auch. Dabei kommt das Leben ins Bild." Das ist die Antwort eines Hürdenläufers, dem sich das Leben aus dem Vergleich erschließt. Die Freiheit des Geistes nach dem Lauf erwächst aus der Schinderei des Körpers. "Ohne Schmerzen keine Freude sagt Bunsen. So wie die Ruhe erfahrbar wird aus dem Gegensatz zur Bewegung, wie aus der sichtbaren Welt die unsichtbare entsteht, wie die Liebe aufscheint inmitten der Lieblosigkeit, so entschlüsselt sich für Bunsen das Leben durch den Tod.

Bunsen zielt immer auf das Ganze des Lebens. Das schließt auch alle wirtschaftlichen, politischen, kulturellen Strukturen ein, vor allem aber die religiös-spirituelle Dimension des Lebens. Ist dieser Anspruch vermessen? Er wäre vermessen, wüßte Bunsen nicht, daß wir das Ganze niemals haben. "Die Ganzheit scheint nur auf in der Differenz zu ihren Teilen." So wie die Trinität von Vater, Sohn und Geist hinter grauen Farbflächen und roten Strichen aufschieben kann, weil wir ihre Abwesenheit verspüren: Daß sie in dieser Abwesenheit tatsächlich präsent wird, macht die Kunst des Frederick Bunsen aus. Denn: "Kunst ist Werden". Das Werden freilich hat seinen Preis. Es erfordert "mit Hölle und Teufel zu ringen", was für Bunsen heißt "Kampf gegen die Bequemlichkeit, daß es mir persönlich gutgeht." Ist der Kampf ums eigene Wohl erfolgreich gewesen, dann mündet er oft in jene selbstzufriedene Sattheit, die träge nur sich selbst nährt. Es ist auch die Sattheit jenes ewigen Zuschauers, der in seiner Illusion am Hürdenlauf teilnimmt, ohne selber an den Start zu gehen. Diese Sattheit kennt keine Differenz. Sie ist der Tod, von dem man bekanntlich weiß, daß er keinen Unterschied macht.

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