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Von der Reisefreiheit der Phantasie


von Björn Engholm
Lübeck 1992


Frederick Bunsen
Gert Fabrizius
András Márkos
Hans Mendler
Björn Engholm


1.

Vor wenigen Wochen hatte ich die Freude, zum 80. Geburtstag des deutschen Informellen, Emil Schumacher die Laudatio halten zu dürfen. Ich habe in dieser Rede an ein Erlebnis aus meiner Jungabgeordnetenzeit 1971, als ich einen Kindergarten besuchte und einen Jungen, der gerade ein wunderschönes farbenfrohes Bild malte fragte: Was ist das! Seine Antwort war einfach: Es ist einfach nur schön.

Die Erkenntnis daraus heißt: das Kind malte ein Bild nur des Bildes wegen, ganz unfigurativ, nicht abbildend außer der eigen Phantasie. Solche Bilder begegnen uns heute in dieser Ausstellung. Sie ist pure Malerei. Eine Malerei die nichts anderes sein will als pure Malerei. Bilder, die keine Geschichten erzählen, die keine Natur abbilden, sie uns nicht belehren, die nichts verherrlichen.

Die Botschaft ist das Bild, nicht ein Bild der Inhalte. Die Bilder werden eigenbedeutsam, nicht im Dienst irgendeine Sache, dies ist wahrscheinlich der bedeutendste Beitrag der malerischen Abstraktion in der Geschichte der Malerei.

Für Viele ist dies eine Herausforderung, ein Ärgernis, weil wir gelernt haben, daß ein gutes Bild immer ein Abbild der Natur sein muß - ebenso wie uns gute Musik dann gut erscheint wenn sie tonal ist.

Dadurch wird unsere Wahrnehmungsfähigkeit verengt und konventionell, unsere Neugier auf Neues verringert sich.

Der Wert der kompositionellen der abstrakten Malerei liegt darin, daß sie diese Enge aufbricht. Daß sie Neugier kitzelt. Daß sie unsere Sinne erweitert. Das sie uns lehrt, das Kleine in Großen, das Schöne in Scheinbar Unscheinbaren wiederzuentdecken.

2.

In diesem Reich der Abstraktion sind die Vier heute hier ausstellenden Maler zu Hause. Genauer gesagt: Sie gehören zum Abstrakten Expressionismus, arbeiten jedoch mit unterschiedlichen Abstraktionsgraden.

Allen Vier eigen ist der freien Gestus, die Starke und Spontaneität des Malvorganges, der nicht konventionelle Umgang mit Materialen, Farben, Flächen und Formen.

In Gegensatz jedoch zur wilden und heftigen Malerei ist diese Spontaneität kontrolliert, sie ist diszipliniert, intellektuell begründet. Sie ist also nicht Selbstzweck sondern Mittel zum Zweck,

Arbeiten der Gruppe sind ein bedeutender und zugleich gelungener Versuch den Expressionismus zeitgenössisch neu zu begründen.

Die Bilder erzählen keine Geschichten, wie schon gesagt, aber sie lassen Geschichten in unsere Köpfen entstehen. Sie verschaffen uns, den Betrachtern, die Reisefreiheit ins Land der Phantasie.

3.

...ist zunächst der Senior, Gert Fabritius, 1940 in
Bukarest geboren, heute freie
Künstler und Kunsterzieher in Baden-Württemberg.

Er arbeitet mit gefärbten Hölzern, bezieht dabei geschickt die Maserungen und Lebensspüren dieser Hölzer mit ein, lagert mehrere Farbschichten übereinander, verarbeitet das Werk im Vorgang des Druckens selbst und zeichnerisch danach.

Seine Gegenstände, hier Stühle, Hocker, Throne, werden durch diese Technik ihre Profaneitát enthoben, sie sind nur noch Zitate, Erinnerung ihrer Selbsts, verklären sich selbst werden fast metaphysisch; sind am Ende nur noch Formen, mit denen der Künstler spielerisch arbeitet.

Fabritius ist ein begnadeter Holzkünstler, ein alter Freund H.P.Grieshabers, einer, der mit der Presse malt, in der große Tradition des deutschen Expressionismus, Erinnerungen an Beckmann, und Dix sind unvermeintlich,

4.

Frederick D. Bunsen, 1952 in ElPaso geboren, Germanist, Kunstgeschichtler und freier Künstler.

In seinen Arbeiten mischt sich die machtvolle spontane Geste mit einem starken intellektuellem Kalkul. Seine Zusammenarbeit mit dem Systemtheoretiker Luhmann legt für die Basis Zeugnis ab.

Seine Bilder wollen uns "animieren", wie er selbst sagt, also mit Seele versehen - und zugleich gegen die "Ruhe der Tiefkühltruhe", also die Langeweile, die Glätte, das Dekorative unserer Zeit polemisieren. Bei Bunsen konkurriert der Schwung der häufig stark geplanten Linie mit der er die Fläche zu ordnen sucht, gegen die sich auflehnende und widerstreitende Fläche selbst. Gelegentlich kam er auf in "Drewermanns Traum" (etwa) artet diese Antagonismus in Kampfgeschehen aus, wird wütende Bewegung, unauflöslicher Widerstreit.

Wer sich auf Bunsens Farbschlachten einläßt, wird nachschöpferische Teilnehmer hochstspannenden Schöpfungsprozesses.

"The Heavans openned und God gave a sign" - Gott gib ein Zeichen zur Deutsch übersetzt, heißt eine seiner Arbeiten. Wo zu? Ich denke: zum Aufbruch! Auf Wanderschaft durch gut fundierte Bildlandschaften - und letztlich zur Erkenntnis unserer eigenen Phantasie selbst.

Bunsen, der vielleicht malerischste der Gruppe steht dem deutschen Informell unverkennbar am nächsten ohne in irgendeine Form imitieren zu wollen höchst eigen in der Art wie er malt.

5.

Der Dritte im Bunde, Hans Mendler, 1950 geboren in Baden-Württemberg, Kunsterzieher, und freier Künstler dort selbst.

In seinen Berg begegnen uns Bildsequenzen, Erzählausschnitte, Schlaglichter auf Geschehen, die aus dem Reich der Sage zu kommen scheinen. Farbstark reihen sich die Bearbeitungsphasen aneinander, überlagern und beeinflussen sich Zeichen, Flächen, Formen.

Man erahnt Abfolgen Bezüge, Widersprüche, stolpert über dialektisch-schroffe Trennungen von Farbfeldern - und. ist einmal inmitten geheimnisvolle Bildlandschaften von eigenartig Schönheit.

Mendler arbeitet mit einer althergebrachten Technik: der Enkaustik, einer Wachsmalerei, die schon von den Griechen vier Jahrhunderte vor Christus zur Perfektion gebracht wurde.

Seine großformatige Bildtafeln, eigentlich eine höchst moderne Tafelbildmalerei, die an Heftigkeit verloren an Ruhe gewonnen, machen ihn zu einer starken Vertreter eines fast klassischen Expressionismus.

6.

Letzten - last but not least - András Márkos, 1950 in Siebenburgen geboren, Kustos, Bühnenbildner, freier Künstler, heute in Baden-Württemberg.
Faszinierend die ungeheure Kraft, die immer wieder ungebremst auf Leinwand oder Papier geworfen wird.
Was auf den ersten Blick als malerische Chaos oder wilder Gestik erscheint erweist sich auf den zweiten Blick als das Produkt eines exakten künstlerischen Willen.

Dieses, eine hochorganizierte und disziplinierte Spontaneität die einen Garten von farblichen Schönheiten, auch von ästhetischen Scherz, von Alptraum und Irritation - letztlich einem Bildbiotop von höchster Qualität. Markos ist eine Unruhestifter, ein Botschafter der Utopie der Ortslosigkeit. Einer der polemisiert gegen fertige Urteile, stetig auf der Suche nach neuem Antworten und Ufern.

Seine Bilder machen Mut zum Aufbruch in neu sinnliche Erlebnisse, sie sind bildnerische Werke der malerischen Aufklärung,

Markos ist ein bedeutenden Vertreter ein völlig eigenständigen abstrakten Expressionismus, ein Maler vom hoher Qualität und ein Radierer von Rang dazu.

Die Vereinigung von Malern, also von Individualisten ist in der Kunstgeschichte höchst selten. Zen, Quaderiga, Cobra, Spür oder Geflecht sind in der Erinnerung - und natürlich die unvergessene Brücke. Ohne direkt historisch Vergleich zu wollen, ein Stück neu-Brücke verkörpert die Gruppe insgesamt schon.

7.

Die Freiheit, Bilder zu malen, zu sehen zu besitzen, sich an ihnen zu freuen und schulen, darf nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Der Wert dieser Freiheit eröffnet sich erst, wenn diese Freiheit eingeschränkt oder abgeschafft wird. Wer Menschen die Reisefreiheit der ästhetischen Phantasie nimmt, ist nicht weniger schlecht als derjenige, der die körperliche Reisefreiheit verweigert.

Das hier heute in Ungarn, dem wir Deutschen so viel zu verdanken haben, Künstler aus drei Heimaten abstrakte Kunst zeigen, über die offen diskutiert und gestritten werden kann, ein schönes Symbol der Freiheit und Toleranz in Europa. Das ist es, was Europa braucht und es darf es uns nie wieder niemand diese Freiheit nehmen. Das war es - vielen Dank.

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