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Die Vermarktung des Genies ist sein Beweis

von Frederick Bunsen, Stuttgart 1984


"Ohne Zweifel lassen sich die Preise für Kunst mit Vermarktung bzw. Publizität nach oben treiben."
STELLUNGNAHME:des Stuttgarter Journalists Nikolai Forstbauer in der Kunstzeitschrift ZYMA 3/85


Kant meinte, daß die Kunst des Genies darin bestehe, das freie Spiel der Erkenntniskräfte mittelbar zu machen. Im Gegensatz zu Kants Begriffsauslegung wird der Geniebegriff heute als ein allgemeiner Wertbegriff für ein unkritisches und beliebiges Qualitätsurteil der Kunst verwendet. Der Geniebegriff von 1985 hat nichts mehr gemeinsam mit einer gelungenen Sinnvermittlung des Kunstinhalts. Er ist eher die anerkannte Vermarktung des Kunstinhalts. Er ist eher die anerkannte Vermarktung von Kunst als Produkt, die ein weniger kritisches Selbsturteil des Kunstinhalts impliziert. Ist es so: Wer sich am besten vermarktet, muß ein Genie sein? Journalisten werden Kunstberichte vermarkten, und Künstler werden Kunst vermarkten. Ohne Zweifel lassen sich die Preise für Kunst mit Vermarktung bzw. Publizität nach oben treiben. Wer bei den großen Kunstmessen vertreten war, verkauft besser als jemand, der dort fehlte. Von Kunstvermarktung kann der Künstler wohl existieren. Einen Kunstinhalt (als Sinn) erfahren die Bilder des Künstlers jedoch nicht, wenn ihre Existenzberechtigung nur ein Malen um des Verkaufens willen ist.

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Ein  Sinn vermittelndes Bild kann nicht entstehen aus dem reinen Vermarktungswesen, und noch weniger, wenn ein Künstler seinen Lebenssinn nach diesem Markt ausrichtet, um ein anerkanntes "Genie" zu werden, sich gleichsam prostituiert. Solche Kunst wäre dann in ihrem Wesen und ihren Zielsetzungen gleich, da ihre Entstehung von der Kunstvermarktung vorbestimmt ist - das Bild selbst ist wie gemaltes Geld. Wem es an Lebensinhalt und -reife fehlt, wird diese Leere auch in seiner produzierten Kunst aufzeigen. Es dauert Jahre, bis ein junger Künstler in seinem Schaffen einen Inhalt verwirklicht, der ihm auch eigen und der authentisch ist. Und dann wird es weiterer Zeit bedürfen, bis sich ein Publikum mit seiner, oft nicht dem Auge schmeichelnden Form der modernen Kunst vertraut gemacht haben wird.

Dagegen erlebt man häufig, wie ungeduldige Künstlerkollegen, aktiv und Expertise nach außen, Bilder mit Schwung und Eleganz produzieren, die von den Journalisten als "durchaus geeignet" gepriesen werden und dann 'idolhaft' von Kunden gekauft werden. Vom Symbolwert solcher artifiziellen Produkte der Vermarktung kann wenig die Rede sein. Wenn Kunst derart als Marktbestätigung fabriziert wurde, muß sie von ihrem Vermittler eine allegorische Interpretation auferlegt bekommen, um ihre Existenz oder ihren Nutzen zu rechtfertigen: "Bitte die Gebrauchsanweisung lesen!". Diese Kunst-Produkte sind also Protegés der politischen, psychischen, historischen, ökonomischen oder journalistischen Welt.

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Mancher Journalist oder  Vermittler von Kunstsinn, von dem auch hier die Rede sein soll, hat weniger Spielraum als der Künstler, wenn man nämlich bedenkt, daß er dem Erwartungsniveau der Leser und dem Konzeptrahmen seiner Zeitung angemessen schreiben muß. Es wird von ihm allgemein erwartet, daß er Qualitätsetiketten, sogenannte Kunstkritiken, schreibt.

Besonders ist mir in Stuttgart die Beziehung zwischen Künstler und Journalist als eine Art Symbiose aufgefallen, die für beide Seiten die Chancen bei der Konkurrenz erheblich verbessert. In einer solchen Symbiose werden die Journalisten ihrer selbstauferlegten Aufgabe gerecht, über einen Künstler, den sie für "entwicklungsfähig" halten, Artikel, Kunstkritiken etc. zu schreiben. Durch ihre Beitrage erfährt der Künstler eine qualitative journalistische Rechtfertigung. Ihre Berichte bestehen oft aus dem üblichen Loblied oder Lamento über die künstlerische Qualität, die sie jeweils vermissen oder als grandios entdeckt haben. Berichte solcher Art liest man ab und zu auch in der Stuttgarter Zeitung und den Stuttgarter Nachrichten.

Sicher, wo der Künstler in einer journalistischen Publikation gut abschneidet, steigt der Wert seiner Produkte auf dem Markt nach oben. Die sonst eher zweifelnden "schottischen" Käufer werden durch diese Artikel in ihrer Auswahl bestätigt und sind in der Erwartung eines Profits zu einer größeren Geldinvestition bereit. Als Beispiel hierfür ist mir so mancher "entwickIungsfähige" Künstler aufgefallen, der in dem Buch des Journalisten  Günther Wirth mit dem Titel "Kunst im Deutschen Südwesten" (Hatje Verlag, 1983) näher bezeichnet wird. Das Werk ist dem Katalog einer ordentlich veranstalteten Kunstausstellung von Stuttgarter Künstlern unter dem Oberbegriff "Südwest" zu vergleichen, stellt aber für künftige Historiker des 21. Jahrhunderts ein gut geeignetes Medium dar, sich einen Überblick über die "objektive" Kunstreportage unseres 20. Jahrhunderts zu verschaffen.

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Durch dieses Opus von Wirth hat sich der Kapitalanlagewert für Bilder eines dieser jungen, sonst relativ unbekannten Künstler deutlich erhöht, und er verkauft im Raum Stuttgart nicht schlecht - was wiederum auch Günther Wirth's Buch respektive dessen "geniale" Auswahl schmeichelnd bestätigen sollte. Vor uns liegt also ein exzellentes Beispiel von "symbiotischer Vermarktung".

Normalerweise ist es ein vergebliches Unterfangen, nach den Hintergründen respektive den Motiven oder Legitimationen von Zeitungsberichten über Kunst zu suchen, insofern sie auch den Lesern als glaubhaft erscheinen könnten. Mir stellt sich hier die Frage, inwieweit der Reifeprozeß eines jungen oder auch eines älteren Künstlers beeinflußt wird, wenn durch die Veröffentlichung aktiv in seinen Werdegang eingegriffen wird und dadurch seine Stellung im Kunstmarkt nach oben oder nach unten manipulativ verschoben wird. Die Frage nach Gründen ist deshalb gerechtfertigt, weil hier aus Kunstinhalt und Künstlerprofil Wahrheiten, im Sinne anderer Herren subjektiv geformt verformt werden. Dadurch wird zugleich dem Leser, der oft auch "Kunstlaie" ist, ein falsches Inhaltsbild von Kunst aufgezwungen. Glücklich kann sich derjenige nennen, der sich bei einer Ausstellung selbst eine Vorstellung verschaffen kann bevor er einen Zeitungsbericht darüber liest.

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Zeitungsberichte haben also die Gefahr, IIlusionsstifter einer anderen Welt zu sein, der aber die Kunstwirklichkeit nicht eigen ist. Solch eine ertötende Verfremdung tut mehr dazu, die Geist gewordene Kunst-Sache zu verbergen als sie unverstellt präsent zu machen. Auch ist die Frage nach Grund und Motiven hier zu stellen. Die Antwort darauf wird meist in der konsumorientierten Gedankenwelt von Kunstvermittlern und Kunstagenten zu finden sein. Es zeigt sich, daß hier in dieser Markt-Welt die Spontaneität eines liebenden Sich-Sein-Lassens von Kunst in einer Ideologie gescheitert ist, die Sein in Haben pervertiert hat.

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Urteil der Kritik - Kritik des Urteils

Durch die Fähigkeit zu einem kritischen Urteil wird das Publikum in dialektisch-dialogischer Weise aktiv in die Sphäre der Kunst miteinbezogen. Denn im Akt der Auseinandersetzung durch Kunstbetrachtung kann der einzelne zu einem kritischen Urteil über sich und die betrachtete Kunst in der Dimension eben dieser Kunst gelangen.

Hier ist Kunst nicht kalkulierbar, da sie keiner Vermittlung durch einen Zeitungsbericht bedarf. Sie verlangt vielmehr, daß über sie in Freiheit und Spontaneität reflektiert wird, um dem Wesentlichen ihres Inhalts und ihrer Botschaft überhaupt näher zu kommen. Natürlich führt eine Unberechenbarkeit der Kunst bei manchem Zeitgenossen zu Mißtrauen.

Diese sind dann versucht, Kunst in den (Be-) griff zu bringen und so in Gefahr zu laufen, die eigentliche Wirkung von Kunst lahmzulegen, respektive sie zu neutralisieren. Die Kunst, deren Aufgabe gerade auch darin liegt, dem Leben eine Sinn- Symbolik zu schenken, wird in ihrem kritischen Impuls gerade dann paralysiert, wenn sie von ihren Vermittlern - wie Politikern, Psychologen, Kunsthistorikern etc. - diskursiv erklärt und gepriesen, analysiert, beschrieben oder gar definiert wird. Bevor man Kunst überhaupt versteht, wird man über sie staunen, provoziert werden oder schockiert sein.

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Festzuhalten ist, daß eine Kritik von Kunst, wie sie mitunter im Medium Zeitung geschieht, zwar auch eine sachlich-künstlerische Kritik an einem Kunstprodukt (das Handwerkliche...) miteinbeziehen und somit das Verständnis für die gelungene oder mißlungene Kunstverwirklichung berücksichtigen sollte. Sie muß sich von ihrer eigenen Sache her aber davor hüten, den Anspruch zu erheben, ein Urteilsrichter oder gar ein  Schützer der Kunstwirklichkeit zu sein.


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