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Alte Tradition
in neuer Malerei


von
Christa von Helmot
1982


Beobachtungen
einer Kunstkritikerin

Frederick Bunsen, 29 March, 1981
ca. 100 cm x 80 cm, acrylic-tusche on paper

Erfrischend beleben in diesen matten Veranstaltungswochen zwei junge amerikanische Maler, beide um die dreißig Jahre alt, die hiesige Kunstszene. Beide Künstler sind unmittelbar in Kontakt gekommen mit europäischem und, intensiver noch, mit dem deutschen Way-of-life der siebziger Jahre. Die Auseinandersetzung damit wie auch mit den klassischen Traditionen und den brandneuen Richtungen haben sie leicht verständlich und anschaulich, jedoch keinesfalls anekdotisch, aufbereitet und darüber hinaus ausschließlich ästhetisch formuliert. Davon geben die knapp achtzig Objekte im Foyer und in der höher gelegenen Galerie im Amerikahaus an der Staufenstraße einen überzeugenden Eindruck.

Frederick Bunsen, der gegenstandsbezogen Arbeitende der beiden, ist gebürtiger Texaner, aufgewachsen auf dem Lande. Als Stipendiat konnte er sein Germanistik- und sein Kunststudium, das er an der Oregon State University begonnen hatte, in Stuttgart weiterführen, unter andrem bei Günter Böhmer. Nachdem er dann in den Staaten sein Diplom als Kunsterzieher erworben hatte, kehrte er 1975 nach Stuttgart zurück und besuchte dort die Akademie erneut für fünf Jahre. Er lebt heute als freischaffender Maler und als Verbandsmitglied der bildenden Künstler Baden-Württembergs in Stuttgart - falls er nicht an der amerikanischen Westküste andere Impulse für sein temperamentvolles bildnerische Schaffen sucht.

Frederick Bunsen gehört zu jenen Künstlern, für die die Unmittelbarkeit der Erlebnisse auf den verschiedensten Gebieten - des privaten wie geistigen politischen oder sozialen - zum Thema ihrer Arbeit werden. Diese Unmittelbarkeit setzt sich bei ihm jedoch nicht frei als wilde, unkontrollierte, spontane Malerei; sehr ernsthaft und gedankenvoll wird sie gefiltert und umgesetzt durch sein verantwortungsvolles ästhetisches Bewußtsein. In diesem Umsetzungsprozeß verliert Bunsens Malerei jedoch nicht an Frische und Empfindlichkeit, wie seine im Amerikahaus gezeigten Arbeiten bewiesen, so etwa die Folge von Kaltnadelradierungen, die er "Freiheitssuite" nennt. Sie wecken Assoziationen zur Todesgrenze zwischen den beiden deutschen Staaten; Freiheit vergräbt sich jenseits des Stacheldrahtes, Freiheitswille verursacht Schmerzen. Bunsen arbeitet gern mit Sequenzen und folgen. Seine vierteilige Bildserie "Gesicht" zeigt - etwas zu nahe vielleicht an Giacomettis Köpfen - die Steigerung der Empfindung in den Gesichtszügen eines sensiblen Menschen. Die Folge "Stadtbilder" und "Telephonzelle" sind Momentanaufnahmen zum Thema der Vereinzelung wie auch der Hoffnungsvollen Bereitschaft zum mitmenschlichen Kontakt inmitten einer Wüste lebloser Steine.

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