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Bilder - aus der Spannung eines freien Dialogs:
Zur Kunstpädagogik Frederick D. Bunsen

by Prof. Dr. Martin Koeppl
Eröffnungsrede, Knittlingen 03. Juli 2005


...begrüße Sie herzlich zu dieser Ausstellung "Bilder - aus der Spannung eines freien Dialogs". Gemeint sind damit Bilder von Frederick Daniel Bunsen und von sechs Repräsentanten seiner Schule: Carmen Belean, Carmen Stallbaumer, Bri Wallaschek, Markus Magenheim, Andreas Mo Schlosser & Wodek (Wlodzimierz) Szwed. Die Ausstellung steht unter dem Aspekt der Kunstpädagogik Bunsens; sie betont das Geben und Nehmen dieses Wirkens, und die Frage, wie ein "kommunikatives Miteinanderwollen das 'autopoietische' Weiterkommen eines jeden der Beteiligten ausmacht" (Flyertext).

Ich werde jetzt den didaktischen Ansatz kurz kommentieren und anschließend mich mit Ihnen auf einen Rundgang begeben, bei dem auch die Künstlerinnen und Künstler selbst zu Wort kommen werden.

Alle hier versammelten Arbeiten sind Produkte von Künstler/inne/n, die durch die Schule Bunsen gegangen sind -zu unterschiedlichen Zeiten, an unterschiedlichen Orten (Zu kleinen Teilen haben sie sich auch in ihrer Lernphase überlappt, aber ebenso kennen sich in Einzelfällen die Schüler überhaupt nicht). Deshalb und weil jeder/r Einzelne eine starke Persönlichkeit darstellt, ist es nicht verwunderlich, dass die einzelnen Werke mit eigenen Thematiken und Formensprachen daherkommen. Gemeinsam ist ihnen allen jedoch der gemeinschaftliche Impuls, der aus dem ursprünglichen Sich-Einlassen auf Bunsens kunstschaffende Pädagogik herrührt.

Primär ist für Bunsen die Kommunikation und die kunstschaffende "Autopoiesis", die sich für die Strecke der gemeinsamen Lehr-/Lernerfahrungen ergibt. Primär ist gleich zu Beginn nicht die Farbe und das Malwerkzeug, sondern die Heuristik des Kurses-Wie erfinden und erschaffen wir künstlerischen Ausdruck? Wie reden wir darüber? Wie bewahren wir uns, sobald der Kurs Orientierung und Fahrt aufnimmt, unsere konzeptuelle Unabhängigkeit?

Und wie die Freiheit des Ausdrucks? In diesem Sinne ist künstlerische Bildung die Entwicklung einer ausdruckstarken und selbstvertrauenden Persönlichkeit. Erst dann, aber natürlich sehr bald und in Tandem, kommt die Kunst des Zeichnens und Malens mit ihren ein-geborenen Kategorien: hinsichtlich Farbe, Form und Raum. Da spricht man von Gewicht und Gewichtung, Schwebe, Ortung und Transzendenz, aber auch Ordnung und Entropie. Was siehst Du in dem, was Du geschaffen hast-im Gegensatz zu dem was du willst?

Bunsen ist, wie wir alle wissen, Luhmannianer. Der eingangs erwähnte Begriff der "Autopoiesis" schiebt unsere Wahrnehmung in diese Richtung. "Autopoiesis" beschreibt die autonome, selbsterhaltende und selbstregenerierende Fähigkeit von lebenden Systemen, aus eigenem Antrieb über Zeit und Raum fortzuschreiten, und trotz stofflichem Wechsel und Veränderung sich selbst identisch und treu zu bleiben.

Autopoiesis ist ein bisschen wie Nietzsche's Idee von der "Welt als sich selbst gebärendes Kunstwerk", hat aber auch eine transzendentale Komponente, die den gemalten Raum von der sprachlichen Kommunikation entrückt und das Numinose in den Bildraum schiebt.

Künstlerische Kommunikation findet in Kopf und Körper des individuellen Betrachters statt, verläßt sich aber auf gemeinschaftliche Codes in Ausdruck und Vorverständnis. Insofern ist Luhmann's Postulat, dass der Künstler sein/ihr Werk "beliebig beginnt", und das "Anfangsmotiv" der "Operationssequenz" "irrelevant" sei -"jeder Zufall würde genügen"-(Die Kunst der Gesellschaft, S.55) eine ex-post-Analyse(wie die Ökonomen sagen würden), erst der zweite Strich/die zweite Operation wäre demnach nicht mehr beliebig. Für die hier versammelten / ausgestellten Arbeiten drängt sich für mich ein VOR dem ersten Strich, VOR der ersten Spur/Markierung dagewesenes gemeinsames Telos auf: Mit dem ersten Strich ist-frei nach Habermas-die Absicht der pädagogischen Gemeinschaftsbildung und des expressiven Consensus' ausgedrückt.

Lassen Sie uns nun unter diesen Vorüberlegungen den Rundgang beginnen, und das Gemeinsame vor, mit und nach dem ersten Strich dieser Arbeiten betrachten.

Ich werde jeweils kurz einführen und dann die Künstler/innen selbst zu Wort kommen lassen. Die Reihenfolge ergibt sich aus der Anordnung der Werke hier in den Ausstellungsräumen. Wlodzimierz Szwed: Seine "Graphiken" spielen, wie der Künstler sagt, "auf die ursprünglich aus dem Griechischen stammende Bedeutung an: 'die Kunst zu schreiben, zu zeichnen, zu malen'". Durch minimalen Einsatz seiner Mittel, nämlich Farbflächen und Schrift-Zeichen, schafft er eine Spannung zwischen der malerischen Oberfläche und der graphisch typographischen Struktur. Das griechische graphein bedeutet in seiner Tiefenstruktur "kratzen, einkratzen"--die ursprüngliche Schaffung von Graffiti, bei denen durch mehrere Schichten hindurch Zeichen und Bedeutungen gekratzt werden. In der Absicht des Künstlers sind die typographischen "Eindrücke" nicht mit sprachlicher Bedeutung aufgeladen, sondern von ihrer Form her interessant. Nichtsdestoweniger könnte man bei Detailvergrößerungen seiner Werke von Typograffiti sprechen, die ähnlich wie die intensive Lautmalerei des Eröffnungsgesanges (vorhin) die Lettern und Phoneme unserer Kommunikation zum konkreten malerischen Thema erklärt.

Bri Wallaschek: In ihrer Malerei verdoppelt sich die Gestik ihres Malens durch der Gestik der Figuren. Thema ist der Mensch, in seiner Vergänglichkeit, seinem Werden und Vergehen. Die Figur ist eingebettet in ihrer Suche nach dem Selbst zwischen Struktur und Farbschema. In der "Würde des Fluges" sucht und findet eine Springende, Fallende ihren Sinn für Humor und Selbstironie-ein Quasi-Selbstportrait (auch wenn die Künstlerin dies verneint), als Symbol wie sie ins Leben der Kunst hineinspringt, mit Leichtigkeit, humorvoll, selbstbewußt.

Markus Magenheim: M.M. porträtiert Gesichter der Gesellschaft, spiegeltParodien und Maskierungen von Gesichtern, wie sie durch zeitgenössische Medien überlagert werden. Magenheim kritisiert die Oberflächlichkeit des Internet-Chats als Kommunikationsform, demgegenüber stellt er ein Selbstportrait im Rahmen eines Familienphotogemäldes. Kunst ist Gemeinschaftsbildner und Gesellschaftskritiker, und das Auge das wichtigste Organ der Familie.

Andreas "Mo" Schlosser: Die beiden Werke "1096"-mit Bezug auf den Beginn des ersten Kreuzzuges-und "Schach" bilden eine Installation, die von systematischem Vorgehen und messianischer Ankunft künden, diese jedoch gleich wieder in Frage stellen. Zentral schwebt hier ein Portrait von Georg W. Bush, parodistisch und mit dem Versuch, Schrecken einzuflößen, gleichzeitig. Ist Busch ein Prediger oder ein Märthyrer?

Carmen Stallbaumer: "Ich bin gebunden", sagt die Künstlerin,"an meine Epoche mit ihren Regeln, Konventionen, und Vorurteilen, gebunden an die eigenen Schwächen und Vorstellungen." Trotz Gebundenheit springt einen hier die Freiheit der Konstruktion an. Die graphischen Gestiken der Muster aus Wasser, Acker und Strömungen sind Konstruktionen des Ausdrucks, die sich mathematisch, ja fraktal gebärden. Stallbaumer hat früher Akte gemalt, heute Abstrakte,hat die Spannung des Überganges von der Konkretheit des figürlichen Objektes zur Konstruktion des Expressiv-Konkreten mit herübergenommen und eingebettet in ihre jetzigen Arbeiten.

Carmen Belean: Beleans Lithographien manifestieren Bewegung und Grenze. Gemeint sind physische Grenzen und Wahrnehmungsgrenzen sowie Wahrnehmungsgrenzüberschreitungen durch malerisch-zeichnerische und kulturüberschreitende Bewegung. Belean war vergangenen Sommer in Böblingen mit einem Stipendium des dortigen Kunstvereins, und ist jetzt wieder zurück im heimatlichen Klausenburg, Rumänien (weshalb sie heute nicht hier ist). Die gezeigten Arbeiten entstanden wieder in Klausenburg, reflektieren aber diese kulturelle Grenzüberschreitung in beiden Richtungen. Beleans Arbeiten sind ausgezeichnete Beispiele für die Intentionalität des ersten Strichs, der ersten Markierung auf den Stein. Stein, Papier und Leinwand begrenzen die Kinästhetik des Ausdrucks. Sie setzen den Rahmen für die kompositorische Entwicklung von Wertigkeit, Gewichtung und Bewegung. So beginnt sie mit impulsiven, spontanen Richtungsweisungen auf der unbefleckten Leinwand, die sich bald in feinere Strukturen ausdifferenzieren. Diese Strukturen betten das Suchen in Transparenzen ein, die der Gestik von Pinsel und Stift geschichtete Tiefen geben.

. . . womit wir wieder bei Frederick Bunsen wären. Er wir uns abschließend selbst noch seine eigene Arbeit kommentieren. Doch zuvor noch ein paar abschließende Worte meinerseits, die mir beim Betrachten dieser Kunst in den Sinn kommen: Bunsen fordert und fördert das Bewußtsein von Raum und Tiefe in der Betrachtung. Er baut auf eine Gestik des Sehens und Denkens, die der Spannung von Fläche zu Bewegung im Raum strukturelle Tiefe verleiht. Die Verbindung von Spontaneität in der Gestik und Disziplin im Konzept bedingt den Blick als Apriori des Sehens.

Martin Koeppl, Prof. Dr.
Digitale Medien, FB MedienGestaltung
Fachhochschule Schwäbisch Hall

Knittlingen, 03. Juli 2005

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