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Beobachtungen einer Aussgellungseröffnung
des Künstlers Frederick Bunsen

Jörg Nolle Waiblingen, 16. November 1989

So schön offensichtlich ist ein gegenseitiges Unverständnis selten zu beobachten: Ein Maler mit seinen Bildern auf der einen Seite, das durchs lokale Ereignis Kunstausstellung angezogene Publikum andererseits. Zusammengebracht wurden diese beiden Seiten bei der Vernissage des Malers Frederick Bunsen im Winnender Rathaus. Aber was heißt hier zusammengebracht?

Die aktuelle Moderne in der Kunst kann oder will wenig für ihre Vermittlung tun, auf der anderen Seite, nennen wir sie Öffentlichkeit, werden auch keine großen Verständnis-Anstrengungen gemacht. So lebt sich's in einem nicht einmal spannungsvollen Nichtverhältnis. Das ist nicht neu. Aber auch selten so idealtypisch wie bei der Bunsen-Schau in Winnenden zu haben.

Der erste Eröffnungsredner, Bürgermeister Paul Hug, will sich nicht mit ein paar begrüßenden Worten begnügen. Er will seinerseits einführen, hatte sich dafür Zitate und Material aus den Veröffentlichungen von Bunsen und dessen Ausstellungsrednerin Helga Schröder geholt. Daß dabei die Worte keine Konkretheit annahmen, ist nicht seine Schuld - siehe zweites Beispiel in dieser Reihe. Hug flüchtete in seiner Rede später auf den Allgemeinplatz Kunst und Freiheit. Niemand dürfe dem Künstler dreinreden. Nur: Selbstverständlichkeiten sind in Gefahr, solche zu sein, so bald sie zu oft wiederholt werden.

Teil 2: Helga Schröder, Kunstkritikerin, spricht über die "Kopernikanische Mobilmachung.. und was die mit Bunsens Bilder gemein hat. Wir hören den knackigen Kernsatz: Was der Mensch sieht, ist noch lange nicht die Wirklichkeit. Wir müssen sehen lernen. Schön gedacht, nur lässt sich mit Kopernikus und seiner Wende so ziemlich J.e- des Thema illustrieren. Helga Schröder setzt noch einiges drauf. Baut Martin Heidegger ein, über dessen hinterlassenes Seins- Mysterium die Epigonen schon seit hundert Jahr' mit ungewissem Ausgang brüten. Auch dürfen Versatzstücke des aktuellen Philosophen Peter Sloterdeijk nicht fehlen. Er gilt im Augenblick als schick. Schließlich und endlich darf der Konstanzer Soziologieprofessor Niklas Luhmann aus zweiter Hand erlebt werden, Bunsen - dieser Quirl, der so gern mixt -arbeitet nunmal mit ihm bei Buchprojekten zusammen.

Das noch halbwegs geneigte Publikum weiß jetzt immerhin ein paar Namen, die in diesem Zusammenhang immer gut sind. Die von Helga Schröder zusammengesuchten Gedanken aus dritter Hand wiedergeben zu wollen, hieße Unverständlichkeit hoch drei, selbst wenn sich der Schreiber dieser Zeilen dazu überhaupt in der Lage fühlte. Was nicht der Fall ist.

Schluß der vorgelesenen Verlautbarungen - Wein und Brezeln warten. Wer nicht so schnöde umstandslos zum angenehmen Teil übergehen mochte, schaut sich Bunsens Bilder jetzt unbedrängt an. Wenige tun das. Leichter dagegen ist Frederick Bunsen - Deutsch-Amerikaner, geboren in EI Paso als Sproß einer Seitenlinie der, Bunsen-Brenner-Dynastie, inzwischen wohnhaft in Winnenden - gesprächsweise zu haben. Dann offenbart er sich als Schelm, dem das Feuer der Provokation geradewegs aus den Augen blitzt. Sein rostiges Stahldrahtgebilde "Kalb'. (siehe Bild) laute hier im verkehrsreichen Rathaus-Foyer schon an der richtigen Stelle, beharrt er. Hier werde Kunst ihrer Rolle gerecht, eben nicht sofort zu- und einordenbar zu sein. Drastisch ausgedrückt: Läge eine Leiche oder eine nackte Frau auf den Fliesen, jeder wüßte, was er zu tun hat: die Polizei oder den Leichenbestatter rufen. Bei Kunst gibt es diese Art der geregelten oder auch nur gedanklichen Entsorgung nicht. Wieder auf einer höheren Ebene: "Einen Menschen ohne Sinn aufzuregen, ist mir nicht genug", sagt der Provokateur Bunsen andererseits. Und deutet den Hintersinn an: "Erst wenn die Hosen fallen, weiß man, zu was die Hosen gut sind." Die Bilder. Zum Verständnis, richtiger: um überhaupt eine Idee zu bekommen, hilft der Blick in den ausgelegten Katalog "Kunst/ Raum/Kirche", der vom Versuch des Katholischen Bildungswerks zeugt, religiöse Dimensionen in der Gegenwartskunst auszuloten im weitesten Sinn, um ein erweitertes Verständnis unserer eben doch nicht völlig erklärbaren Welt zu vermitteln. Frederick Bunsen ist einer der sechs Künstler deren Arbeiten den Herausgebern als Beispiel dienen. Bunsens Bilder seien meditative Kunstakte, lesen wir. Und beim Be zuloten - im weitesten Sinn, um ein erweitertes Verständnis unserer eben doch nicht völlig erklärbaren Welt zu vermitteln. Frederick Bunsen ist einer der sechs Künstler. deren Arbeiten den Herausgebern als Bei- spiel dienen. Bunsens Bilder seien meditative Kunstakte, lesen wir. Und beim Betrachten bekommen wir eine Ahnung: Herabsgesunkene Elemente, wiederauferstandene Symbole, Schichten davor, dahinter - ein Kosmos wird sichtbar.

Letzte Frage an den Künstler: Wenn er denn wahr ist, dass seine Bilder meditativ aufzunehmen sind, warum dann dieser der Versenkung so, gar nicht zuträgliche Ausstellungsort Rathaus? Der Schelm spricht wieder: Er wolle ja gar nicht unbedingt, man habe ihn eher gedrängt. Aber wenn er sich jetzt umschaue - die Brezeln, der Wein, Freunde sind gekommen. Feste lassen sich wenigstens im Rathaus feiern.

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