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Etwas Theorie

by Dirk Baecker 2001

www.uni-wh.de/baecker

In: Dirk Luckow (Hrsg.), Wirtschaftsvisionen 2: Peter Zimmermann. München: Siemens Kulturprogramm, 2001, S. 3-6

Dem Verdacht, daß die Begegnung mit der Kunst von der Wirtschaft nur gesucht wird, wenn und weil sie entweder schmückt oder verkauft werden kann, und daß die Begegnung mit der Wirtschaft von der Kunst nur gesucht wird, wenn und weil sie, so oder so, bezahlt, kann man, gerade weil er berechtigt ist und bleibt, nur entgegentreten, wenn man für diese Begegnung auf beiden Seiten andere, aber mindestens genau so gute Gründe findet. Dazu braucht man, beim gegenwärtigen Stand der Dinge, das heißt angesichts andersartiger Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten, etwas Theorie.

Denn wir haben es, wenn wir von einer Beziehung zwischen Kunst und Wirtschaft reden, mit mindestens zwei Schnittstellen zu tun, die überwunden werden müssen, wenn es zu einer Beziehung kommen soll. Die erste Schnittstelle betrifft den Unterschied zwischen Kunst und Wirtschaft, die in der modernen Gesellschaft als ausdifferenzierte, das heißt autonome soziale Systeme auftreten. Die zweite Schnittstelle betrifft den Unterschied zwischen Kommunikation und Wahrnehmung, der von der Wirtschaft und von der Kunst je unterschiedlich getroffen und bewältigt wird.

Wenn Kunst und Wirtschaft als ausdifferenzierte Systeme beschrieben werden, so bedeutet dies, daß ihre kommunikative Eigendynamik unterschiedlichen und miteinander prinzipiell nicht kompatiblen Regeln oder Codes folgen. Gäbe es hier irgendeine Art der Kompatibilität, wäre die Ausdifferenzierung nur unvollkommen gelungen und stünde die Autonomie der Systeme in Frage. Die Kompatibilität, als Lösung eines Schnittstellenproblems, wäre dann in Wahrheit ein Hinweis auf ein dadurch entstehendes und wesentlich gravierenderes Problem. Wären Kunst und Wirtschaft kompatibel, stünden damit Kunst und Wirtschaft in Frage. Die Wirtschaft, so postuliert die soziologische Systemtheorie, folgt dem Code der Zahlungen und Nicht-Zahlungen. Alle anderen möglichen Ereignisse in der Welt der Gesellschaft werden nur zur Kenntnis genommen, wenn sie sich auf diesen Code beziehen lassen, das heißt in Zahlungsbereitschaft für Produkte und Dienstleistungen umsetzen lassen beziehungsweise man-

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gelnde Zahlungsbereitschaft erklären. In der Wirtschaft wird konsumiert, was sich bezahlen läßt - und sonst nichts. Und in der Wirtschaft wird investiert, wenn der daraus entstehende Kostenaufwand durch zu erwartende Gewinne zumindest gedeckt werden kann. Der Kostenaufwand ist für Dritte seinerseits ein Signal bestehender Zahlungsbereitschaften, so daß es wirtschaftlich genauso interessant ist, Vor- und Zwischenleistungen zu produzieren wie Endleistungen. Deswegen spricht man heute in der Wirtschaft von einer Wertschöpfungs'kette': Die Wertschöpfung entsteht nicht nur beim Endkunden, sondern an jedem Punkt einer Kette, der von einem mehr oder minder parasitären Interesse als solcher identifiziert wird.

Die Kunst, so postuliert die soziologische Systemtheorie, folgt dem Code "schön" versus "häßlich" - gegen den Protest des Systems selbst und gegen die Beobachtung der Ästheten, daß das Schöne ebenso (oder doch fast so) geschmackvoll zur Geltung gebracht werden kann wie das Häßliche. Tatsächlich könnte die Kunst von allem anderen nicht unterschieden werden, also auch sich selbst nicht unterscheiden, wenn sie nicht in diesem Sinne einen Unterschied treffen würde, der qualifiziert, was als Kunst und was nicht als Kunst gelten kann. Vielleicht darf man annehmen, daß der Code der Kunst nicht ganz so glatt binarisiert ist wie der Code der Wirtschaft, so daß sich in jedem einzelnen Kunstwerk oder Kunstereignis das Schöne von einem Häßlichen absetzt, das es mitführt und nicht in der Weise ausgrenzt, wie die Wirtschaft versucht, die Zahlung gegen die Nichtzahlung abzugrenzen. Die Kunst sucht das riskante, das gerade eben noch gelingende, das fast gescheiterte Werk oder Ereignis. Darin liegt ihr Kalkül. Aber kaum hat man dies gesagt, wird sich Ähnliches für die Wirtschaft behaupten lassen, die ebenfalls, je ‚dialogischer' sie sich in die Gesellschaft wiedereinbettet, aus der sie sich ausdifferenziert, die Produkte und Dienstleistungen anbietet, für die Zahlungsbereitschaft erst noch gewonnen und nicht einfach vorausgesetzt werden kann.

Man sieht, daß es schon deswegen ein Interesse der Wirtschaft an der Kunst geben kann, weil die Kunst, als Moment der eigenen Ausdifferenzierung, ein interessantes Modell gefunden zu haben scheint, diese Ausdifferenzierung nicht über eine anthropologische Quasi-Technik (Bedienung exogen gegebener und zahlungskräftiger Bedürfnisse), sondern über Kommunikation, das heißt über die Unwahrscheinlichkeit der Ausdifferenzierung selber abzusichern. Jedes Kunstwerk, jedes Kunstereignis arbeitet selbst am Problem, als solches zur Kenntnis genommen zu werden. Darin steckt eine Kompetenz, die eine Wirtschaft auf der Suche nach knapp gewordenen Kunden beeindrucken muß. Aber es kommt noch etwas anderes hinzu. Die Kunst verdankt ihr Modell der Ausdifferenzierung nicht der Intelligenz der Künstler, Galeristen oder Kunstkritiker, sondern der spezifischen

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Funktion, die sie in der Gesellschaft erfüllt - und gerade dann erfüllt, wenn sie abstreitet, eine Funktion zu erfüllen. Denn das gehört paradoxerweise dazu: Würde die Kunst einwilligen, eine Funktion zu erfüllen, könnte sie ihre Funktion nicht mehr erfüllen. Da hat es die Wirtschaft einfacher, die immer noch von ferne die Kategorie des Bedürfnisses in Anspruch nehmen kann, um noch die artifiziellsten Zwischenschritte der Produktion mit dem Glanz der Notwendigkeit zu schmücken. Die Kunst erfüllt in der Gesellschaft die Funktion, die Wahrnehmungsfähigkeit jener Bewußtseinssysteme zu adressieren, die, so wiederum das Postulat der soziologischen Systemtheorie, Umwelt der sozialen Systeme, also auch Umwelt des sozialen Systems der Kunst, sind.

Die sozialen Systeme kommunizieren, und können nur kommunizieren. Die Bewußtseinssysteme, die gegenwärtig vor allem menschlichen Individuen, wie wir Anlaß zu haben glauben (und an einem einzigen Fall, dem eigenen, auch mehr oder minder gewiß überprüfen können), eigen sind, können hingegen nicht kommunizieren, sondern nur denken, vorstellen, wahrnehmen. Optik, Akustik, Olfaktorik, Taktilität und Geschmack sind zwar Worte der Kommunikation, aber Angelegenheiten des Bewußtseinssystems in seiner wiederum alles andere als selbstverständlichen und unproblematischen Verknüpfung mit dem Organismus, in dem es ausdifferenziert und in den es wiedereingebettet ist. Das kann man leicht feststellen, wenn man versucht, ein Bild, einen Laut oder einen Geschmack zu kommunizieren. Im Versuch der Kommunikation wird das Bewußtsein gegenüber sich selbst bereits untreu, wie erst recht die Kommunikation dann kaum noch etwas davon übrig läßt, was als Eindruck und Vorstellung hier einmal vorhanden war. Das ist kein Anlaß zur Kulturkritik, denn die Kommunikation stellt uns dafür andere verführerische Möglichkeiten zur Verfügung, zum Beispiel Gedichte, Bilder, Lieder und Gesten, in denen das Bewußtsein wiedererkennen kann, welche reiche Fülle von Eindrücken es unmöglich kommunizieren kann.

Dies ist die Funktion der Kunst. Sie erlaubt es dem Bewußtsein, sich an Kommunikationen zu beteiligen, die ihm Wahrnehmungen ermöglichen, in denen es die eigene Differenz gegenüber jeder Kommunikation erfahren kann. So lange man glaubt, daß die Gesellschaft Ordnungs- und Koordinationsprobleme stellt und löst, die objektiv gegeben sind, kann diese Kunst nur als Luxus, als Gegenstand fürstlicher Prachtentfaltung und bürgerlicher Erbauung gelten, an dem man erkennt, wie es um diese Gesellschaft tatsächlich bestellt ist. In dem Maße jedoch, in dem die moderne Gesellschaft die Erfahrung der eigenen Konstruiertheit macht, wird es erforderlich, Techniken bereitzustellen, die es erlauben, die Konstruktion der Gesellschaft zu überprüfen. Eine dieser Techniken "überwacht",

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um es etwas pathetisch zu sagen, die Grenze zwischen Kommunikation und Bewußtsein. Sie beobachtet diese Grenze, sie überspielt diese Grenze, sie unterstreicht diese Grenze und macht in allen diesen Formen die Grenze in der Gesellschaft für die Gesellschaft in einem immer begrenzten (der Grenze adäquaten) Ausmaß verfügbar. Diese Technik ist die Kunst. Die Kunst wird als diese Technik um so unverzichtbarer, je mehr die moderne Gesellschaft darauf verzichtet, allgemein sich stellende Probleme auch allgemein, das heißt zentral, zu adressieren. Unternehmen, Behörden, Kirchen, Schulen, Universitäten, Krankenhäuser und Vereine können sich nicht mehr darauf verlassen, daß für die Bereitschaft der Bewußtseinssysteme, sich nach wie vor an den anforderungsreichen, ermüdendenden, von einer Begeisterung in die nächste jagenden und von einer Enttäuschung zur nächsten treibenden Kommunikationen der sozialen Systeme willig, motiviert und problemlos zu beteiligen, durch Herkunft oder Ausbildung hinreichend vorgesorgt ist. Statt dessen müssen sie Formen finden, den Bewußtseinssystemen ihrer Mitarbeiter, Anhänger, Gläubigen und Kunden deutlich zu machen, daß sie um die Differenz dieser Bewußtseinssysteme wissen und sie akzeptieren, obwohl sie sie überspielen müssen. Die Kunst signalisiert diese Differenz. Und sie signalisiert sie um so besser, je unwilliger sie dieses Spiel mitspielt.

Nimmt man hinzu, daß es kaum noch ein soziales System der Gesellschaft gibt, das darauf verzichten kann, sich auf die Wahrnehmungsfähigkeit der an ihm beteiligten Bewußtseinssysteme zu verlassen, gibt es mehr gute Gründe für die Kunst, als dieser vielleicht gut tut. Produktionsabläufe, Entscheidungskoordination, Gremienkommunikation, aber auch die unwahrscheinliche Empirie der modernen Wissenschaften, von der Liebe zu schweigen, stellen die Wahrnehmung vor Aufgaben, die kommunikativ geschult werden können, obwohl es letztlich nur die Wahrnehmung selber ist, die diese Aufgaben lösen kann. Es rücken mehr und mehr künstlich intelligente Systeme in Reichweite, die diese Aufgaben zum Teil übernehmen können, etwa die Überwachung mehrerer Monitore einer Produktionsanlage zugleich oder die Identifizierung ungewöhnlicher, also abweichender Mikrobenformen unter dem Mikroskop. Aber das wird es uns nicht ersparen, etwas von den Wahrnehmungsproblemen zu verstehen, die hier gelöst werden müssen.

Die Kommunikation ist mit der Wahrnehmung im Zweifel immer schnell fertig. Sie adressiert sie, macht sie zum Thema und baut sie ein die Reproduktion der Kommunikation. Aber als Adressierte und Thematisierte ist die Wahrnehmung nicht die Wahrnehmung selbst. Diese bleibt die Eigenwelt des Bewußtseins, "die Welt, in der wir leben" (Maurice Merleau-Ponty). Daran erinnert die Kunst, darauf macht sie aufmerksam und dafür weckt sie nach beiden Seiten

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immer wieder neu Interesse. Denn so schnell die Kommunikation mit der Wahrnehmung fertig ist, so sehr neigen auch die Bewußtseine dazu, sich im Zweifel lieber unterhalten zu lassen als auf die Kunst einzulassen. Die Unterhaltung überspielt die Differenz zwischen Kommunikation und Bewußtsein. Die Kunst macht sie zum Ereignis. Wenn in Überlegungen dieses Typs nicht nur die Systemreferenzen Wirtschaft, Kunst und Bewußtsein, sondern auch die Systemreferenz Organisation in ihrem Eigensinn und in ihrer Eigenwilligkeit berücksichtigt wird, werden die Überlegungen um eine weitere Dimension komplizierter.

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