Sein als Werden

Karl-Heinz Minz

Philosophischer Diskurs über die Ausstellung-Installation "Ursache-Wirkung-Nachwirkung"
von Frederick D. Bunsen in der Galerie Akmak Berlin 1984

Frederick Bunsen
"Selfportrait" 1982, 50 cm x 50 cm, oil on canvas

An-und-für-sich-Sein des Kunstwerks
Aufheben in der Synthesis
Horizont als Vermittlungsgefüge

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Dem Schaffen des Künstlers
geht es wesentlich um die Involvierung von Menschengeschichte in die Theorie-Praxis-Interdependenz seiner Sinnbotschaft. Indem er durch die triadische Sequenzierung der Ausstellungsmomente bewußt machen kann, daß Kunstwerke mit dem Besucher kommunizieren, wird dieser einbezogen in die unmittelbare Unmittelbarkeit solcher Trias, nämlich in Kunstzeugung, in die Abstraktheit eines An-und-für-sich-Seins des Kunstwerks und schließlich in die Negation von Entfremdung in musealer und pekuniärer Sterilität. Es ist dies das Gefüge einer Dialektik, die von der Position zur Negation und zur Synthesis des Werdens als einem Aufgehoben-Sein prozediert.

Das Aufheben in der Synthesis ereignet sich hier in der Ausstellung dadurch, daß der Besucher im abschließenden Raum Entfremdung von Künstler, Kunstwerk und seiner eigenen Kunstillusion kairologisch erfahren kann, in dieser Negativerfahrung jedoch - will er seine Identität bewahren - die Negate des Kunstkommerzes negiert und somit durch sich die internalisierten Opera medial wieder zur Unmittelbarkeit ihrer Ur-Kunde versöhnt.

Solche Perichorese eines Subjekt und Objekt umgreifenden praxeologischen Agierens impliziert in ihrer Integralstruktur Internalisierung von Kunst-Sinn in personalen Modi. Im Ensemble von kognitivem, affektivem und psychomotorischem Erfahren stiftet Kunst hier ein Novum, da die Mannigfaltigkeit ihrer Sinnpotentiale das geschichtlich konkrete Subjekt, welches der Mensch in seinem Sein und in seiner Welthaftigkeit zutiefst ist, in die Konfiguration ihres Gefüges miteinbezieht. Ontologischer Sinn kann als das Zwischen der beiden Freiheiten von Künstler/Kunstwerk und Kunstrezipient bestimmt werden.

Ästhetischer Autismus wird durch diese Freiheits-Dialogik in Raum und Zeit ausgeschlossen. Damit ist dieses Geschehen gegen Ideologieverdacht gefeit, wird Ideologie doch da auszuschließen sein, wo sich der Kairos der Begegnung von Ich-Du als das Zwischen eines Wir ereignet und aufhebt. Kunst wird hier zur Sinn- und Zeichengabe, welche die Projektion des schönen Scheins entlarvt und kairologisch wahre Wirklichkeit und wirkliche Wahrheit schenkt.

In solcher Gewährnis von Sinn kann der Besucher der Ausstellung schauen, wie dialektisch-dialogische Vollzüge als Maieutik fungieren und Fragen nach der Fraglichkeit des scheinbar Fraglosen seines Subjektseins zeugen. Die geschichtlich-gesellschaftlich konstituierte Welt des Menschen ist anwesend, das Insulanertum des geistleeren Kunstphilisters bleibt negiert. Die Raum-Zeit-Koordinate Berlin als Ort dieser Ausstellung weist realsymbolisch präsent und durch die Geopsyche ihrer Menschen auf, welche gesellschaftliche Relevanz die Sinnvermittlung durch Kunst hat, besteht doch ihr responsorischer Charakter gerade in der Korrelation mit der Dyas von Zerrissenheit und Versöhnung. Darüber hinaus entdeckt der einzelne Mensch im Gang durch die Ausstellung die Mechanismen der Entfremdung durch das 'man' der postmodernen Manipulationsarsenale. Eine disclosure innerhalb der künstlerischen Mediatisierung läßt ihn via negationis diese Entfremdung erfahren. Hierin artikuliert sich zugleich eine politische Dimensionalität von Kunst.

Somit impliziert die korrelative Interdependenz von Kunst-Kunstrezipient innerhalb solchen triadischen Arrangements Potentiale wie Staunen, Seins-Sinn, Freigabe von Eigentlichkeit sinninsistenter Existenzen sowie Selbsttranszendenz des Menschen in das Mehr eines bisher ungekannten Lebenssinnes. Ursache-Wirkung-Nachwirkung läßt sich angesichts heutiger Sinn-Verschüttungen als Archäologie reflektieren, welche von der archaischen Unschuld des reinen Anfangens über die Alienation zum Abstrakten und dessen Negativerfahrung retroaktiv die einzelnen Strata freilegt und schließlich entdeckend zur Unmittelbarkeit der Archä zurückkehren kann. Dabei wird dieser reine Anfang aufgehoben, derart, daß in ihm alle Prozeßmomente als in einem Novum, eben in der Identität von Identität und Nichtidentität, versammelt sind. Aufgehoben-Sein als Nachwirkung treibt den Bewußtseinsprozeß ontisch-ontologischer Sinngewährnis bei allen Beteiligten weiter, so daß als télos eine Künstler-Kunstwerk-Rezipient umgreifende Ganzheit entstehen kann.

In diesem Horizont als einem kommunikativen Vermittlungsgefüge wird sich Sinn in das Leben des Menschen einstiften und es sich zu seiner je einmaligen Eksistenz transzendieren lassen. Sein-Nichts-Werden heißt der ontologisch-eksistentiale Grundrhythmus, den Frederick D. Bunsen in seinem Werk komponiert. Das 'individuum ineffabile' wird je in seiner Einmaligkeit, in relativischem Perspektivismus des ens contingens, neue Sphären dieses ewig jungen Grunddreiklangs ent-decken und aus seinem Optimismus leben.

Dr. Karl-Heinz Minz
Düsseldorf, im Dezember 1984

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