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Das Schweigen
der Farbe -
Drei Briefe an
den Künstler
Frederick Bunsen


von Karl Heinz Minz
Philosoph,
Kulturwissenschaftler





aus: Das Schweigen der Farbe, 2002 Frederick D. Bunsen (Hrsg.) S. 18-23, anläßlig der Ausstellung von Frederick Bunsen im Rathaus Winnenden Oktober 2002

  • brief 1
  • brief 2
  • brief 3, Postscriptum
  • Fußnotizen
  • Frederick Bunsen
    World in a World 2000, 53 cm x 78 cm, Egg-tempera on Ingres-paper

    .

    Brief #1


    Lieber Frederick,
    als ich zum ersten Mal Deinen Titel "Das Schweigen der Farbe" hörte, stand ich vor einem Rätsel.

    Ich fragte mich immer wieder: "Wie kann denn Farbe schweigen?" Der großartige Film "Das Schweigen der Lämmer" war mir bekannt, auch der Film "Das Schweigen" von Ingmar Bergman. Doch "Schweigen der Farbe", nein, darüber hatte ich mir noch nie Gedanken gemacht, und dieser Titel wirkte zunächst lediglich wie ein Oxymoron, dessen oszillierende Formulierung mir jedoch durchaus als gelungen erschien. Aber wie ich Dich so kenne, steckt viel mehr dahinter.

    Eine Annäherung gelang dann aber Schritt um Schritt, indem ich Freunde fragte: "Was ist das Gegenteil von Farbe?" Es war in der Tat überraschend: Niemand konnte mir dieses Gegenteil "auf den Begriff bringen", denn einen solchen gegenteiligen Begriff kennt die deutsche Sprache (oder deren Sprechgemeinschaft) offensichtlich nicht. Und bereits diese Erfahrung mit der Frage nach der Frage über Farbe führte zu Erstaunen und zu Weiterfragen.

    Bei der Musik mit ihren Klang-Farben ist die Antwort ja erheblich einfacher. Joachim-Ernst Berendt schreibt in seinem programmatischen Werk "Das Dritte Ohr. Vom Hören der Welt"1: "Das Gegenteil von Licht ist Dunkelheit. Aber das Gegenteil von Klang, Schall, Laut, Sound ist nicht Stille. Diese ist deren Potenzierung. Dichter sprechen vom Dröhnen der Stille. Von der Orgel des Schweigens. ‚Nichts im Universum', sagt Meister Eckehart, gleicht so sehr Gott wie das Schweigen.' Wenn die Welt Klang ist und wenn Gott mehr ist als seine Schöpfung, dann ist Er Schweigen. Stille geriete in die falsche Nachbarschaft, wenn man sie als Gegenteil von Klang empfände. Das Gegenteil von Klang ist Lärm. Wer nicht hören will, muß - wenigstens - Lärm hören."

    Aus der Schule wissen wir noch: Es gibt keine "Farbe an und für sich", etwa in der Art, wie es "Das Ding an sich" in der Erkenntnistheorie bei Immanuel Kant indiziert. Farbe ist vielmehr eine psychische Qualität, die im Gehirn dann erzeugt wird, wenn dort die im Licht enthaltenen Schwingungen dekodiert werden. So sind auch Schwarz und Weiß Farben. Das heißt dann weiter: Schwingung der Farbe ist Bewegung und Dynamik, ist Teilnahme am Leben, und Farbe ist eben ein Teil der hochkomplexen Wirklichkeit, die Leben heißt. Die Schwingungsmuster lassen sich beschreiben. Von daher gibt es auch Grade der Intensität von Farbe, ein Mehr oder Weniger, so wie es Grade der Komplexität von Lebensformen und Grade ihrer Vitalität gibt. Bereits J. W. von Goethe hat in seiner Farbenlehre die Wirkung von Farben auf die Psyche des Menschen dargestellt. Die heutige Farbtherapie setzt erfolgreich diese heilende Kraft von Licht und Farbe für die Erhaltung der Gesundheit ein.

    Daraus folgt aber, und dies ist weiter für Dein Thema sehr bemerkenswert, als Antwort auf die oben gestellte Frage: Das Gegenteil von Farbe ist Fehlen von Leben, ist Leblosigkeit. Somit gehört Farblosigkeit letztlich zum Reich des Todes. Blindheit beschreibt ebenfalls eine Form defizienter Teilnahme am Leben, an Welt. Farbblindheit bezeichnet einen teilweisen oder auch vollständigen Ausfall der Fähigkeit eines Menschen oder Tieres, die einzelnen Farben zu unterscheiden.

    Im Umkehrschluss zeigt sich dann: Der Titel "Das Schweigen der Farbe" macht die Aussage, dass es der Mensch ist - und nur er -, der hier schweigt. Dieses Schweigen, sei es bei der Betrachtung eines Kunstwerks oder sei es bei der Betrachtung der Natur, ist das Schweigen des Menschen, der einer Farbe gegenübersteht und keine Lebendigkeit und kein Leben wahrnimmt. Ein solches Verhalten lässt sich weiter ausdifferenzieren in eine aktive und/oder in eine passive Seite, und zwar in ein gewolltes, bewusstes Nichtwahrnehmen, also in eine Verweigerung einerseits, und in eine defiziente Weise des Könnens beziehungsweise der rezeptorischen Fähigkeiten andererseits.

    Schweigen, aktiv wie passiv, manifestiert jedoch zugleich eine Differenzerfahrung, eine Zwiefachheit, ein Anderes. Schweigen erst macht Nicht-Schweigen denk- und aussagbar, somit vermittelbar. Systemtheoretisch lässt sich sagen: "Die Beobachtung der Beobachtbarkeit von etwas resultiert aus der mitgeführten Negation der Beobachtbarkeit von etwas anderem."2 Und Nicht-Schweigen in Bezug auf Farbe heißt positiv, darin Negation der Negation: Sicheinlassen in die Dynamik von pulsierendem Leben, das sich im Medium Farbe vermittelt. Der Systemtheoretiker Niklas Luhmann hat in dem von Dir herausgegebenen Band "ohne titel" dazu konzise ausgeführt: "Es gibt Kunstwerke nur, wenn und soweit mit Möglichkeiten der Kommunikation über sie gerechnet werden kann. Einmal in Gang gebracht, handelt es sich mithin um ein autopoietisches System ... Um über Kunst kommunizieren zu können, muß man mithin die Differenz von Primärmedium und Form voraussetzen und diese Differenz selbst zum Medium machen können. Man muß die Freiheiten erkennen und als Medium benutzen können, die der Künstler sich für die Formwahl schafft. Kommunikation über Kunst ist nur auf dieser Basis möglich, denn sie muß voraussetzen können, daß Information zu gewinnen ist, und das heißt: daß es auch anders möglich wäre. Die dadurch bedingte und beschränkte Kommunikation über Kunst kann sich zunächst an das Medium halten, das die Form benutzt, um Unterscheidungen anbringen zu können."3

    Doch damit genug für heute! Sicher ließe sich noch sehr viel dazu sagen und vertiefen, inwiefern es immer nur der Mensch ist, der das Schweigen der Farbe bedingt und verursacht. Wie sich hingegen positiv die lebendige Rezeption (Kommunikation) von Farbe an einem Kunstwerk konkret ereignet und welche erfahrbaren Folgen das mit sich bringt, möchte ich Dir bald einmal schreiben. Bis dahin wünsche ich Dir viel Mut bei Deinem Ringen mit der Dynamik des polyphonen Farbenkosmos. Also dann!

    Dein
    Karl-Heinz Minz
    Düsseldorf, am 26. April 2002

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    Brief #2


    Lieber Frederick, ganz herzlichen Dank für Deinen Brief aus Klausenburg! Hoffentlich träumt Bram Stokers Count D. auf seinem Schloss von "The return of the repressed" und gibt sich nicht die Ehre, hier in Düsseldorf bei den in vollem Grau erstrahlenden Kunsthallen Station zu machen. Ich freue mich, dass Du mit meiner Auffassung über das Schweigen der Farbe einverstanden bist. Schweigen hier also als Verweigerung des Menschen, sich auf die (Eigen-)Dynamik der Farben einzulassen. Dieses Beziehungsgefüge lässt sich sehr konkret an einem Deiner neuen Werke aufzeigen, und zwar an "World in a World" [Abb. siehe oben].

    Nach langer Betrachtung möchte ich ihm den Titel geben "Jenseits des Jupiters" - eine Assoziation, die vermutlich unbewusst von Stanley Kubricks Film "2001: A Space Odyssey" bestimmt ist. Denn was sehe ich? Eine rechteckige Fläche - das farbige Bild als eine integrale, in sich selbst jedoch differenzierte Ganzheit. Links darauf ein schwarzblaues Rechteck, etwa in Höhe der Bildmitte gesetzt, rechts eine leicht in Richtung des Rechtecks geneigte Linie in einem hellen Rot. Zwischen diesen Polen mit dynamischer Pinselführung geschaffene Bänder, die dennoch wie ein Möbius-Band in einem ätherischen Weiß schweben. Nachdem ich mehrmals einige Minuten konzentriert und mit innerer Ruhe dieses Bild angesehen habe, geschieht etwas mit mir: Zwischen roter und schwarzer Farbe beginnt etwas in mir zu pulsieren, wie auf den Monitoren kardiologischer Messgeräte. Lebensströme, Vitalzeichen oszillieren systolisch und diastolisch. Die Farben in ihren Formen schwingen, pulsieren in mir, lassen mich nicht mehr los, Polarität - schwebend, nehmen mich mit hinein in ihre Zirkulation.

    Ich fühle in diesem Schweben, Schwingen und Wogen der Farben dann eine Wirklichkeit, wie sie bereits 1968 in der "Odyssee im Weltraum" mit filmischen Medien gezeigt wird. In der grandiosen Bildmystik dieser Weltenreise führt ein schwarzer Monolith Menschen durch Zeit und Raum. Unvermittelt dann, nach Passieren des Planeten Jupiter, emotional jedoch völlig anders getönt als Marilyn Monroes melancholisches Lied "There is a river with no return": Beschleunigung, rasende Kamerafahrt durch einen Kanal, einen Tunnel aus sprühenden Farben, Farben und nochmals Farben. Eine psychedelische Farbenorgie, die jeden Betrachter mitreißt. Dann aber wieder die Ruhe des Unendlichen, das Schweben und Dahingleiten in der Leichtigkeit von zeitlosen Walzerklängen im ¾-Takt; Walzermusik hier als Rhythmus der Unendlichkeit.

    So auch die Farb-Erfahrung bei diesem Bild: Ein Gefüge, ein Kosmos pulsierenden Lebens. Für mich erhalten Farben, Licht und auch die unbewusst aufsteigenden Schwingungen der Musik eminent emotionale Wirkung. Die Farben wirken derart als formende Kräfte des Bildes auf mich ein. In Anlehnung an die Dialogik des Philosophen Martin Buber lässt sich hier sagen: "Farben sehend werde ich Ich." Das scheint prima vista eine sehr abstrakte Aussage zu sein; doch bei näherem Hin-Sehen wird dieses "Dialogische Farbprinzip" sehr konkret werden: Ich selbst nämlich bin es, der durch die Farben neue Welten erschaut, so wie es bereits axiomatisch von Paul Klee in "Schöpferische Konfession" (1920) formuliert wurde: "Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar." Die Farben dieses Bildes, auch darin "Jenseits des Jupiters", schweigen nicht, sondern versetzen mit ihren intensiven Schwingungen den Betrachter in eine noch nicht gesehene Dimension, verändern ihn. Diese pure Bildmystik macht in ihren Schwingungen und in ihrer bildnerischen Polyphonie Wirklichkeiten sichtbar, die so noch nie erschaut worden sind. Die Einheit von Mikro- und Makrokosmos kann hier sichtbar werden, und das impliziert auch eine spirituelle Dimension, die das menschliche Leben zu bereichern und auch zu verändern vermag.

    Hierzu lese ich zur Zeit wieder einmal im Werk von Eugen Herrigel "Zen in der Kunst des Bogenschießens". Dort wird an den Maler die Anweisung gegeben: "Beobachte zehn Jahre lang Bambus, werde selber zum Bambus, vergiß dann alles und - male."4 Über diese vorwiegend spirituelle Dimension der Farben aber möchte ich Dir bald noch ein kurzes Postskript nachsenden.

    Herzliche Grüße Dein
    Karl-Heinz Minz
    Düsseldorf, 12. Mai 2002

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    Brief #3 - Postscriptum


    Lieber Frederick,
    Jetzt habe ich wieder lange Zeit hindurch über Dein Thema nachgedacht, war vorab davon ausgegangen, dass nur noch eine kurze Ergänzung erforderlich sei, um diese Überlegungen fertig zu stellen. Doch es folgten immer neue Konnotationen, neue Perspektiven aus diesem Nach-Denken.

    Eine durchaus übliche und auch sachlogisch notwendige Differenz-Erfahrung zu Deinem Bild, das ich für mich "Jenseits des Jupiters" genannt habe, wurde nach und nach bei der gedanklichsehenden Annäherung im Vorgang des Betrachtens aufgehoben in eine Identität der Identität und der Nichtidentität. Die Differenz zwischen Subjekt und Objekt erschien darin insoweit also nur als eine (kor-)relative, und zwar zwischen den Relaten Betrachter und Werk. Das heißt zugleich für die Kommunikation mit dem Bild und seinen Farben: Eine quasimystische Vereinigung, gar eine tatsächliche unio mystica, wie sie in den Religionen und Philosophien bekannt ist, bleibt in einem Diesseits, nämlich dem des Betrachters, stehen. In dem - im ersten Brief - erwähnten Beitrag von Peter Fuchs "Von der Beobachtung des Unbeobachtbaren: Ist Mystik ein Fall von Inkommunikabilität?" findet sich eine klare Diagnose dieser unauflösbaren Differenz: "Nur der systemexterne Beobachter, der seinen Platz nicht auf dem Schema innehat, kann sehen, dass die Paradoxie der Einheit von Immanenz und Transzendenz auch nicht topographisch unterlaufen werden kann: Das Jenseitige des Diesseitigen ist im Hiesigen angesiedelt. Der Weg von jenem zu diesem ist ein Weg von Hier nach Hier, auf einer Stelle zu derselben Stelle."5

    Zugespitzt, aber dadurch das "Schweigen der Farbe" verdeutlichend, gilt das für die Paradoxie-Erfahrung im Zen-Buddhismus. Er intendiert die Ausschaltung des dualistischen abendländischen Denkens - die Dyas ist ja das Problem dieses Denkens schlechthin -, erfährt dabei in dem dafür erforderlichen notwendigen existentiellen Sprung, "dass Differenzloses sich nicht denken lässt. Die Idee eines Zustandes der Abwesenheit aller Differenzen schließt Unbeobachtbarkeit ein. Man kann sie mit dem Unbegriff Nichts auszeichnen und seinen Verstand aufs Spiel setzen durch Reflexion über die Positivität absoluter Negativität, auf die Existenz von Negativitäten, oder - springen.

    Draw a distinction! ist dann die moderne Formulierung der Anweisung für die Operation des Sprunges im Rahmen einer formbildenden Logik."6 Damit ergibt sich auch in dieser Hinsicht, dass ein Schweigen von Seiten der Farbe überhaupt nicht möglich ist.

    Doch damit wieder zurück zur vielfältigen Differenziertheit der Farbe! Wäre hier gerade auch angesichts der bleibenden Differenz nicht das Medium gegeben, Wirklichkeit tiefer zu erfahren, und zwar indem sich der Betrachter einlässt in die Dynamik der von ihm erfahrenen Farbe? Mit einem Farb-Mondo, einem Zen-Dialog zwischen Meister und Schüler also, in dem sowohl die Aufgabe als auch Hinweise für den Lösungsweg enthalten sind, könnte eine Annäherung - aber eben nur eine Annäherung - an die Differenzlosigkeit gelingen:

    Siehst Du das Schwingen der Farbe?
    Ja, Meister.
    Das ist der Weg.7

    Mit diesem Mondo, so die mögliche Meditations-Erfahrung, lässt sich der "Klang der Bilder"8 erspüren oder doch erahnen. Licht und Farben erscheinen darin als Metaphern der Wahrheit eines unergründlich-geheimnisvollen Weltganzen. Vielfarbig komponierte Kirchenfenster etwa könnten dann nicht mehr als irrlichternde Dekoration für die "Gräber Gottes" (so charakterisierte Friedrich Nietzsche die Kirchengebäude) herhalten, sondern wären statt dessen Orte der Licht-Vermittlung in einem zutiefst spirituellen Sinn. Das Farbenspiel eines Sonnenaufgangs führte - wie am Anfang in der Space Odyssey - in die Dynamik von Farben und Licht; und das heißt: Einbezogen werden in die Zirkulation eines All-Lebens. Anfang und Ende dieser Lebensdynamik bleiben darin auf ewig miteinander verwoben. Die philosophische Tradition sagt dazu prägnant: Kenosis - Das Eine ist das Ganze.

    Dein
    Karl-Heinz Minz
    Düsseldorf, 14. Mai 2002

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    Fußnotizen:

    1. J.-E. Berendt, Das Dritte Ohr. Vom Hören der Welt, Reinbek 1988, 145.
    2. So Peter Fuchs, Von der Beobachtung des Unbeobachtbaren: Ist Mystik ein Fall von Inkommunikabilität?, in: N. Luhmann, P. Fuchs, Reden und Schweigen, Frankfurt a. M. 1989, 70-100, hier 79.
    3. Nilkas Luhmann, Das Medium der Kunst, in: F. Bunsen (Hrsg.), "ohne titel". Neue Orientierungen der Kunst, Würzburg 1988, 61-72, hier 68 f.
    4. E. Herrigel (Bungaku Hakushi), Zen in der Kunst des Bogenschiessens, 41. Auflage, Bern 2001, 89.
    5. In: Luhmann/Fuchs, Reden und Schweigen, 73.
    6. P. Fuchs, Vom Zweitlosen: Paradoxe Kommunikation im Zen-Buddhismus, in: Luhmann/Fuchs, Reden und Schweigen, 46-69, hier 49.
    7. Dazu ausführlich J.-E. Behrendt, Das Dritte Ohr, 359-367. NB: Zwischen dem Wort "Schweigen" und dem Wort "Schwingen" besteht nur ein einziger Buchstabe Unterschied ...
    8. Mit vielen Kunstwerken exemplarisch dargestellt in Karin v. Maur, Vom Klang der Bilder, München 1999.
    © 2001