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Geist aus der Farbtube:
Der Wandel
des Malers Frederick Bunsen

Jörg Nolle, Waiblingen 1. Oktober, 1997


Frederick Bunsen
Stigma 1996
ca. 100 cm x 80 cm
egg tempra /pigment

Einst in seinem Maler-Mai war der Winnender
Leinwand-Bearbeiter Frederick Bunsen ein später Vertreter
des abstrakten Expressionismus. Soll heißen: Hier arbeitet einer mit einem solch rabiaten Pinselschwung und mit einer solch gleichmacherischen Pose, daß die alten Kompositionsprinzipien von Grund und Figur (oder Zeichen), Bildmitte und Randerscheinung glatt aus dem Bild gefegt wurden. Allenfalls waren noch unlesbare Kürzel erlaubt und das eine oder andere ikonografische Zeichen. Gerade Bunsen arbeitete ja gern mit visuellen Begrifflichkeiten einer überzeitlichen Theologie, so, wenn er bei seinen "Transitus-" und "Trinität"-Arbeiten die Grenzen von Dieseits und Jenseits verschwimmen ließ. Nur: Arg subjektiv gefühlsbetont durfte das bisher nicht sein. Schließlich gehorcht auch die Kunst einem System, das alles Handschriftliche abtötet. So (übertrieben) durften wird Bunsen bislang sehen.

Jetzt überrascht er uns in seiner aktuellen Kunstbahnhof-Schau mit der Kehrtwendung zu einer vergangenen (Geistes-)Epoche, passend wohl zur Jahrhundert-Endzeitstimmung. Es darf wieder regelrecht romantisch sein. Wir sehen auf seinen Lithografien ausfransende Horizontlinien und das noch verschämt gräulich eingefärbte Blau des Himmels. In der eigenen Imagination taucht auch schon der Mönch auf aus Caspar David Friedrichs Bilderschatz. Aber natürlich hütet sich Bunsen vor so viel kosmologischer Putzigkeit. Da hält er's eher mit Mark Rothko und dessen Romantik-Verarbeitung, Diesseits und Jenseits säuberlich in zwei monochromatische Flächen getrennt, mehr nicht. Zurück in die Zukunft. Bunsen spielt mit einem neuen Spiritualismus. Der Geist kommt bei ihm aus der Farbtube.

Durchaus passend zu Bunsens zweigeteilter Weltsicht präsentieren sich die Plastiken des Bildhauers Dieter Kränzleins. Auch hier bestimmt der Kontrast die Anmutung im Auge des Betrachters - der Gegensatz zwischen Muschelkalk mit deutlichen Bearbeitungsspuren und den zwischengeschobenen, streng linearen Holzteilen. Der eben doch stark dingliche Objektcharakter verhindert indes das illusionistische Moment, das Moment der Selbsttäuschung, das die Malerei den mehr stofflich Arbeitenden voraus hat (Kunstbahnhof Winnenden, geöffnet am Donnerstag, von 19 bis 21 Uhr).

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