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Peter Renz 1994

Hinüber-Hinaus
Die Malerei von Frederick Bunsen


Anläßlich einer Ausstellung
in der former Galerie G. Walz Stuttgart
12. Dezember 1994

Dialog mit dem Ungewissen
Grenzsituationen
Performance
Selbstbetrug ist der Tod
Zweifel und Hoffnung
Existenzgefühls
Versuch des Individuums
Kunst ist ein Versprechen


Frederick Bunsen zu begegnen, kann Folgen haben.

Vor etlichen Jahren, Deutschland wälzte sich gerade in der Wende, warteten wir gemeinsam in einem barocken Klosterflügel (in Weingarten) auf einen türkischen Dichter, der sich verspätete. Schnee auf der Autobahn. Wir waren geistesgegenwärtig genug, die Zeit zu nutzen. Bunsen der gebürtige Texaner, erzählte von Oregon, und später, nach einigen Gläsern Wein, von Alaska. Er hatte dort Begegnungen mit gläsernen Eissärgen, längst verstorbenen Ureinwohnern. Öde, menschenleere Kälte der Polarnacht. Ich fing Feuer. Der da sprach von Totenschädeln, Gebeinen, denen er in der Provence begegnet war, dieser noch heute immer so munter und aufgekratzt daherkommende Künstler hatte offenbar eine Erfahrung gemacht, die ihn nicht mehr losließ. Seine Unmittelbarkeit nahm mich gefangen. Was davon blieb, ist die Begeisterung, die uns bis heute verbindet.

Einige Zeit später im weitläufigen Flur dieses barocken Klosterflügels einer Benediktinerabtei trieb Bunsens Herausforderung die Verantwortlichen in Grenzsituationen. Gegen den ostinaten Jubelton der Architektur setzte er das einzige, worauf er sich verlassen konnte: Schlichtheit, aufrichtigen Ernst. Seine brennende Gegenwart war Performance. Es roch nach Korn, nach schwerer Arbeit, Fron und Zehnten. Die Schwerkraft des Lebens. Ein Stein hing am Faden. Beginnender Dialog mit dem Ungewissen.

Ich sagte damals zur Eröffnung:
"Bunsens radikale Suche nach dem auch heute noch erlebbaren Gehalt von Begriffen wie Hoffnung, Liebe, Geburt, Tod und Transzendenz führt ihn in jene Polarnacht der Selbsterfahrung, aus der einer nur dann produktiv zurückkehrt, wenn er ganz auf Wahrhaftigkeit vertraut." Das gilt auch jetzt, auch für diese bestürzend eindrücklichen Bilder dieser Ausstellung.

Frederick Bunsen, ein Vagabund der Grenzerfahrungen sucht die Herausforderung, zu deren Bewältigung er sich selbst immer wieder neu überwinden muß. Ständige Infragestellung. Bequemlichkeit liegt ihm fern. Wahrscheinlich war es dieser mit Humor gepaarte Ernst, der uns so spontan zusammengeführt hat.

Leben an der Grenze. Texas, Alaska, Oregon. Stuttgart (was für Welten!), - in den letzten Jahren nun über die Grenze des ehemaligen eisernen Vorhangs hinweg: Prag, Budapest, Warschau. Er ist ständig auf dem Weg, doch nicht als bloßer Beobachter, sondern zutiefst teilnehmender Zeitgenosse. Hat er sich doch etwas bewahrt von einer fast kindlichen Offenheit für die Welt, die ihn immer und überall ganz und intensiv anwesend sein läßt.

Seine Bilder: Expressive Kunststriche wie Lebensimpulse, Linien, die über die Leinwand schießen, Momente von Raum und Lebensspannung. Bunsens Kunst bezieht ihre Kraft aus der Tat.

Performance
Leben ereignet sich für ihn unmittelbar und hat schon dadurch einen Sinn in sich selbst. Indem Kunst als symbolisches Handeln begriffen wird, erschließt sich ihr Sinn und Wesen "aus dem Gefüge künstlerischen Tuns". Nicht das vergegenständlichte Ergebnis, der Artefakt, ist das Entscheidende, sondern der Weg dorthin. Bunsens Bilder bleiben ablesbar als Spuren dieses Weges: Nachvollziehbar in der Geschichtetheit von Farben, Linien, dem Duktus seiner Unruhe. Die vielzitierte Räumlichkeit seiner expressiven Abstraktion wird so begreifbar als Erfahrungsraum des eigenen Selbst.

Hinüber - Hinaus. Bunsen versteht seine Kunst bewußt als Überschreitung von Grenzen. Daher ist bei ihm nicht zu trennen: Leben und Werk. Nur wer sich gern einläßt auf diese Welt, kann ihr einen authentischen Ausdruck abringen über die Verfaßtheit des Menschen in ihr.

Seine Kunst: Ein Mahnmal, manchmal wie ein Schrei, ein Hilferuf, ein gewichtiger Satz. Was fasziniert: Der Gestus. Durch ihn teilt sich etwas mit von der Kraft und Bestimmtheit, mit der Bunsen zu Werke geht.

Seine Malerei kann nicht verschönern, nicht nachbessern, übertünchen. Sie ist wie eine offene Wunde. Betrifft unmittelbar und teilt so etwas mit von der Unmittelbarkeit, in der sie entsteht. Sie lebt vom verdichteten Augenblick, aus dem heraus sie als impulsive Bewegung und Bewegtheit des Künstlers plötzlich da ist. In diesem Augenblick gilt es alles: Herz und Verstand müssen sich einig sein in der entscheidenden Bewegung der Hand. Flüchtigkeit erlaubt er sich nicht.

Dies alles: Zerrissenheit, Fliehenwollen, Aufschrei, Lust und Schmerz am gegenwärtigen Dasein drückt sich als unrevidierbare Spur aus: Als Linienbündel, Lebensstriche, gesetzt, überfahren, verlorene, wiedergefundene Schichten, lauter erneute Setzungen, Behauptungen eines Dennoch.

Schonung, Selbstbetrug ist der Tod jeder Kunst. Indem Frederick Bunsen diese Haltung zur Maxime erhebt, darf er einerseits keinen Teil seines Selbst mehr ausgrenzen, andererseits steht jedes Tun, jede Entäußerung schon im Horizont dieser künstlerischen Radikalität. Aus der "Weltrealität der Erfahrung" tritt er in die "Kunstrealität", in der nicht erst das Ergebnis zählt, sondern die Vollendung schon in der Handlung liegt: Ich handle, also bin ich. Seine Kunst ereignet sich im Werden. Doch: Nur wenn die existenzielle Dimension in der künstlerischen Handlung gegenwärtig ist, kann schon die Handschrift, der malerische Duktus als "fließendes, automatisches Gestikulieren" zur ersten Botschaft des handelnden Selbst werden.

Bunsens Bilder, raumgreifend im Format, mit ausgefransten Rändern, sind "Abrisse" aus einem Erkenntnisprozeß, der seinen bloß temporären Sinn, seine unabschließbare Vorläufigkeit nie verleugnet. Wie das "Ganze der Erfahrung" im philosophischen Sinn einer "Geheimschrift" gleichkommt, die zu entziffern lebenslange Aufgabe bleibt, so laufen Bunsens Skripturen als " Liebesbotschaften an das Leben" über den Malgrund.

Die sich überlagernden vielschichtigen Texturen von Farbbahnen und Farbflächen, Linienbündel, Flecken, kalligraphische Kürzel, durchlässig in der Fläche und zugleich umschlagend in Raumperspektiven, sind für diesen Künstler komprimierte mentale Umsetzungen von Erinnerung. Seit action painting und Informel wissen wird, daß es sich um die Umsetzung von Empfindungen, Zuständen und kreativer Motorik handelt. Sie sind Ausdruck der Suchbewegung eines Selbst, das mit jeder Schwingung Räume verdichtet zur Fläche und doch wieder neue Tiefenimaginationen aufreißt, eine Art pulsierender Algorhythmus zwischen Zweifel und Hoffnung.

Es scheint mir, als brauche dieser Vagabund Bunsen seine Kunst, um sich selbst anzuhalten im Chaos von Eindrücken, Reaktionen auf den Wahnsinn aber auch die Vielfalt unserer Zeit. Dem standzuhalten, bedarf es der Selbstbesinnung, nicht zuletzt: der Besonnenheit. Entgegen ihrem äußeren Anschein kommt diese Malerei aus einer enormen seelisch-geistigen Gefaßtheit, gewissermaßen als gestischer Impuls.

Bunsens Kunst ist eine Malerei des Existenzgefühls, ein Ausdruck der Verfaßtheit der Seele in unserer Zeit. Transformiert in reine Form.

Ungemein ästhetisch und wirkungsvoll, versperrt sich Bunsens Kunst doch allen Versuchen eines verdinglichten Genusses. Wer sich auf sie einläßt, begibt sich auf eine Reise, auf die Erkundungsreise seiner selbst.

Immer wieder im expressiven Gestus von Farbe und Form zu entdecken: Der Strich, die Gerade. Es ist, als wolle Bunsen in die impulsiven Kraftbündel seiner Farb- und Formexplosionen den einen Halt setzen, archimedische Linie sozusagen. Im Kosmos der Farb- und Formexpression gegenhalten mit reiner Geometrie. Eine Stelle setzen, wo sich ein Selbst noch verorten kann. Sich behaupten gegen das Chaos. Ein verzweifelt hoffnungsvoller Versuch des Individuums in unserer Zeit, vielleicht irgendwo aufgehoben sein zu können.

Möglicherweise aber, weil sie sich nicht auf Äußerliches, Dingliches bezieht, sondern die Verfaßtheit des Menschen unserer Zeit im Auge hat, kann Bunsens Kunst durch die Expression dieses Existenzgefühls hindurch etwas vom immer noch gebliebenen Vorschein auf eine bessere Möglichkeit: ausdrücken, von der Hoffnung auf eine Gesundung der Welt.

Hinüber - Hinaus: Eine Bewegung der Transzendenz. Bloch, ein Philosoph der Hoffnung, verstand Denken als Überschreiten. Ein Überschreiten erstarrter Ordnung, hin zu mehr Freiheit. Bunsens Farbigkeit widersetzt sich der Ordnung, sie spricht ganz vom Leben. Aus ihr kommt das Feuer, das Mut machen kann.

Kunst ist ein Versprechen. Das Versprechen einer Erfahrung, der wir nirgendwo anders begegnen, als im Umgang mit ihr. In einer Zeit, in der wir alles kaufen können, ist das Nötigste offenbar nur noch um den Preis von Sinn und Verstand zu haben. Eine Kunst wie die Frederick Bunsens kann dagegen nur Rätsel in die Welt setzen: Sie sprechen durch ihr Faszinosum. Und sie sind das Beste, was wir finden können: Signaturen des Lebendigen, der Liebe zum Leben.

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