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knosis (= Leere)

Kenosis - Leere
Missachtet
prophetisches Sprechen nicht!


von
Michael Krämer
21. März 1999

Bildungswerk der Diözese Rottenburg-Stuttgart
Das Schweigen der Farbe

Paulus, Thessalonicher-Brief
III. Predigt im Kontext der Ausstellung
"Fredrick Bunsen: Das Schweigen der Farbe" 2002
in der Pfarrkirche St. Karl-Borromäus, Winnenden.


Mandorla
In der Mandel - was steht in der Mandel?
Das Nichts.
Es steht das Nichts in der Mandel.
Da steht es und steht.
Im Nichts - wer steht da? Der König.
Da steht der König, der König.
Da steht er und steht.
Judenlocke, wirst nicht grau.
Und dein Aug - wohin steht dein Auge?
Dein Aug steht der Mandel entgegen.
Dein Aug, dem Nichts stehts entgegen.
Es steht zum König.
So steht es und steht.
Menschenlocke, wirst nicht grau.
Leere Mandel, königsblau.

Paul Celan (1920-1970)

1. Wenn einer nichts sieht...
Wenn einer nichts sieht - wie kann er uns dann etwas sagen? Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, jetzt habe ich mich soeben versprochen. Ich hätte anders sprechen müssen: Wenn einer NICHTS sieht, was wird er uns dann sagen können? Mit dieser Frage sind wir mitten im Thema der heutigen Predigt. Keine Schriftauslegung steht im Vordergrund heute, sondern die Frage, was der Sinn dieser Ausstellung von Frederik Bunsen in der Kirche hier sein kann. Auf was diese Ausstellung hinausläuft. Sie sehen die Malereien dort im Gang am Boden. Sie erheben keinen Anspruch auf Museum und Ehrfurcht. Sie sind zum Betreten. Und sie werden zu zum Weg. Dieser Weg führt ab und auf und gerät unversehens in ein Dazwischen. Und dort ist Schluss. Da ist also nichts mehr. Da ist Nichts. Sie merken: Über nichts lässt sich anscheinend so Einiges sagen. Sie wissen das ja selbst: Viele sehen nichts und reden viel. Darum soll es hier jedenfalls nicht gehen. Wer sich auf sein Leben einlässt, wer zu diesem Leben auch den Tod mit denkt, der landet unweigerlich im Nichts, nicht einfach am Ende, sondern tatsächlich im Nichts, im Nicht-Ich. Und wem Tode im Alltag begegnen, wer sich traut, auch den Brüchen und Abgründen im eigenen Leben diesen schauerlichen Namen Tod zu geben, der landet mitten im Leben unversehens im Nichts. Aber es ist ja nicht nur das eigene Leben, das sich unter diesem Akzent anschauen lässt: Wer allein die Geschichte der letzten 100 Jahre anblickt, trifft ebenfalls auf das Nichts, auf Vernichtung ohne Ende. Es ist ja nicht statisch, dieses Nichts, es ist sehr aktiv. Es hat anscheinend Infektionscharakter. Wer dem Nichts begegnet - in seinem Leben, in der Begegnung mit Anderen, in der Geschichte -, den fröstelt vor diesem Nichts. Überall da, wo Vernichtung stattfindet, ist dieses Nichts am Werk. Hinter den Kriegen, hinter den Terroranschlägen von New York, Dscherba und Bali, hinter den Selbstmordattentaten und den sogenannten Vergeltungsschlägen steht doch kein Gott, kein Allah und kein zu rettendes System. Hinter ihnen steht Nichts, groß geschrieben und einfach leer - Vanitas. Im Sprechen entspricht das Nichts dem Schweigen. Sie kennen alle das tödliche Schweigen im Miteinander von Menschen, die Wortlosigkeit aus zugeschnürter Kehle, das Verstummen im Schrecken. Und dann gibt es da noch ein anderes Schweigen, das Schweigen der Zuhörenden, das Schweigen, in dem Gedanken zu blühen beginnen, das still schweigende Vertrauen.

2. "Mandorla"
Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer,
ich habe Ihnen ein Gedicht mitgebracht, dass ich Ihnen vor dem Hintergrund dieser Überlegungen verständlich machen möchte. Es stammt von dem deutschsprachigen jüdischen Dichter Paul Celan. Es heißt "Mandorla". Mandorla bedeutet Mandel und ist zugleich der Name für jene Aureole, die romanisch in Bildern und Reliefs der "Christkönig" umgibt - als Zeichen seiner Transzendenz, seiner Jenseitigkeit. Mandorla

In der Mandel - was steht in der Mandel?
Das Nichts.
Es steht das Nichts in der Mandel.
Da steht es und steht.
Im Nichts - wer steht da? Der König.
Da steht der König, der König.
Da steht er und steht.
Judenlocke, wirst nicht grau.
Und dein Aug - wohin steht dein Auge?
Dein Aug steht der Mandel entgegen.
Dein Aug, dem Nichts stehts entgegen.
Es steht zum König.
So steht es und steht.
Menschenlocke, wirst nicht grau.
Leere Mandel, königsblau.

Wenn ein Jude nach "Mandel" fragt, dann hört er das Wort Immanuel mit. Denn dies Wort, das "Gott mit uns" bedeutet, hat sich im deutschsprachigen Raum in die jüdischen Namen Mandel und Mendel verwandelt.1 Und wenn ein Dichter wie Paul Celan, der der Sprache bis in ihr Innerstes nachgegangen ist, die Mandel benennt, dann hört er auch den "Gott mit uns" heraus. Und so ist die Frage richtig: Was steht in der Schrift? Was steht in der Mandel? Der jüdische Gott. Auch wenn die Mandorla den christlichen Gottessohn umrahmt: Celan spricht hier von Adonai, dem Herrn des Volkes Israel. Dann allerdings stellt er fest: Das Nichts. Und da ist es wieder, das Nichts, das mit Vernichtung und Tod zu tun hat, das den Namen Shoah trägt, das wir in anderer Form heute wieder finden als fundamentalistische Grundierung von Terror und Intoleranz. "Es steht das Nichts in der Mandel."

1 Vgl. Kluge, Mandel 2
Das ist ein existenzielles Erschrecken: Wo doch eigentlich Rettung sein sollte, steht Nichts steht das Nichts. So haben sie es erlebt, die Juden, in anderer Weise erleben es Menschen auch heute noch: Wo Rettung sein sollte, weist sich nur Tod aus. Wo Gott zugreifen sollte, ist leere Tatenlosigkeit. "Da steht es und steht". Und wartet auf seine Opfer. Das Gedicht bleibt nicht bei dieser Frage. Stellen Sie sich vor: Celan steht tatsächlich - und das ist bekannt - vor einer solchen Mandorla, mit dem Christus Herrscher im Zentrum. So kommt er zum nächsten Vers: Im Nichts macht das Auge eine Entdeckung: Da steht der König. Abgesehen davon, dass das alte Wort König in seiner Grundbedeutung "Herr" meint und damit den Adonai, den Gott des Judentums benennt in seiner verdeckten Benennung, ist Gott auch auch der König Israels. Zugleich aber steht die reale Gestalt des Christkönigs da. Beide verschmelzen an dieser Stelle zu einer gefräßigen Einheit: Wurde nicht im Namen dieses Christus den Juden Unheil angetan, durch die Geschichte hindurch? Hat nicht Adonai sein Volk verlassen in der schlimmsten Katastrophe seines Bestehens? Hier wird die Frage nach der Kraft Gottes angesprochen: Will er die Welt nicht retten? Kann er die Welt nicht retten? Ist ihm die Welt, sind ihm die Menschen bin ich ihm gleichgültig? Wie viele Beter, wie viele Gläubige sind an dieser Frage verzweifelt. Wie viele wende sich irritiert, gedemütigt, enttäuscht ab von einem solchen Gott? Wie viele hadern wie Hiob? Eli Wiesel erzählt in seinem Roman "Die Nacht zu erzählen Elisha" eine solche Geschichte: Er sieht wie ein Kind an den Galgen gehängt wird und fragt laut: Wo ist jetzt Gott, wo ist er? Das, meine Damen und Herren, ist das tödliche, das vernichtende Nichts. Keine Hoffnung, keine Zukunft, nur Wahn - auch wenn Wahn einmal das deutsche Wort für Hoffnung war - unsere Sprache hat angesichts der Schrecken menschlichen Handelns zu unterscheiden gelernt. Das Gedicht geht einen Schritt weiter: Es geht zum Sehenden, es geht zum Seher. Dessen zentraler Sinn ist das Auge, das sieht und sieht. Und wem wendet es sich zu? Wohin steht es? Auch das Auge des Menschen ist eine Mandorla. Schauen Sie einmal hinein. Sie sehen sich selbst, seitenverkehrt und klein. Aber Sie sehen sich selbst. Und wenn dieses Auge, dieser Gegenpol zur Mandorla oben, wenn dieses Auge der Mandel entgegensteht, wenn sich hier zwei Pole Bilden, zwischen denen es funkt und Überspannungen gibt, dann geschieht plötzlich etwas Neues. Das Auge steht dem Nichts entgegen. Es steht jedoch nicht nur gegen etwas, es steht auch zu etwas, nämlich zum König. Die Antwort, die Eli Wiesel von damals berichtet, und die ihm eine Stimme zu ruft, von der er nicht weiß ob sie real oder in seinem Kopf klingt, sagt in diesem Roman zu ihm: Da, da hängt er doch, am Galgen. Und genau die gleiche Aussage macht Celan mit seinem Gedicht: Das der Mandel Entgegenstehende ist das Auge des Menschen, in dem sich der Mensch spiegelt. Während unter dem "König" welcher Art auch immer und wie er auch heißen mag mit all seinen schrecklichen Versatznamen die Judenlocke nicht grau wird, weil die Menschen vorzeitig dem Nichts verfallen, weil Vernichtung sie befällt, weil die Infektion des nichts ihnen innewohnt und von außen drängt, kann nun nach der Intervention des Auges als Gegenpol etwas anderes möglich werden. Der König, zu dem das Auge steht ist die Vermählung des Gesehenen mit dem

Gespiegelten: Die Mandel bleibt "königsblau", aber sie bleibt leer, weil das, was dort seinen Ort finden kann, nicht benennbar noch beschreibbar ist. Es bleibt ein Nichts, und ist doch ein anderes Nichts als zuvor. Es ist wie mit dem Schweigen, das gefüllt sein kann: Leere Mandel, königsblau. Weder von einem "Gott sei bei uns", was der alte Namen des Teufels ist, noch von einem Immanuel, einem Gott mit uns, ist hier die Rede. Es ist der Mensch, der tastend im Leeren erscheint. Die Mandel behält ihren jenseitigen Glanz, es erscheint in ihr aber nicht mehr eine Gottheit, sondern der Mensch, als - wie das Gedicht es will - Klagender, im Psalmenton des Gedichts, und Widerständiger, in der Aussage des Gedichts. Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, wenn es uns gelingt im tiefsten Nichts die Gestalt des Menschen aufscheinen zu sehen, dann endlich beginnen wir zu ahnen, was es heißt, dass Gott Mensch geworden ist. Dann können wir vielleicht ganz langsam annehmen, dass es für unser Leben keine anderen Begründungen gibt, als die Mensch zu sein. Dann dürfen wir allem misstrauen, was mit dem Getöse der Göttlichkeit, der Vorsehung oder sonstig überbordenden Kategorien ankommt. Dann wissen wir, dass hinter all dem nur ein trostloses und infektiöses nichts wartet, das Fundamentalismus und Fanatismus nichts, aber auch gar nichts mit unserer Religion, mit unserer Hoffnung und mit unserem Gottesglauben zu tun haben. Wenn es uns gelingt im tiefsten Nichts die Gestalt des Menschen aufscheinen zu sehen, dann endlich beginnen wir zu ahnen, was es heißt, dass Gott Mensch geworden ist. Dann vielleicht trauen wir uns selbst, endlich Menschen zu sein? Wenn ich auf die Ausstellung hier schaue, dann sehe ich am Ende zwischen zwei Flügeln nichts. Und wenn Sie genau hinschauen, und das tun sie ja und schauen mich erstaunt an, dann lasse ich meinen Blick nicht im Nichts stehen, er geht weiter, und er findet den Altar. Künstler sind ja nicht unbedingt religiöse Menschen, Dichter auch nicht. Sie können es sein; aber das ist keine Qualität ihrer künstlerischen Fähigkeiten. Was Dichter und Künstler allerdings auszeichnet, wenn sie wirklich solche sind, das ist die Sprache und die Zeichenkraft des Menschen. Und so hat Frederik Bunsen hier eine Installation angelegt, die den Blick nach weiter ausrichtet, die den Blick nicht im Dazwischen bleiben lassen will. Das, meine Damen und Herren, war immer schon die Aufgabe der Propheten. Die waren auch nicht immer so schrecklich fromm. Aber sie haben gesehen. Und sie haben gesprochen führ ihren Gott. Propheten sind keine Wahrsager, sondern Sprecher für ihren Gott Pro-Phet. Nachdem wir uns in unseren Kirchen eingemauert haben, brauchen wir vielleicht jene anderen Propheten, die uns mit Witz und Ernst auf unsere Sache aufmerksam machen, dass nämlich an jenem Altar kein Gottesdienst geschieht. Dass dort Menschen feiern, dass Gott Mensch geworden ist, dass noch im Schrecken des Todes und im Nichts die Gestalt des Menschen erscheint, dass Hoffnung ist noch für die letzten Verlorenen der Geschichte und dass wir - memoria passionis - diese Geschichte leben und erinnern und auf etwas hoffen, das wir selbst nicht zustande bringen. Wenn es uns gelingt im tiefsten Nichts die Gestalt des Menschen aufscheinen zu sehen, dann endlich beginnen wir zu ahnen, was es heißt, dass Gott Mensch geworden ist.

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